Die ungestillte Sehnsucht nach Erlösung

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Gleich mit zwei Opern ist dieses Jahr Israel bei den Maifestspielen in Wiesbaden vertreten: Mit Tosca von Giacomo Puccini und mit The Child Dreams von Gil Shohat. Letztere unter der Leitung von David Stern wird in hebräischer Sprache gesungen und hatte Weltpremiere. Wiesbaden/Tel Aviv. Nur eine Aufführung vor der Weltpremiere in Tel Aviv Mitte April. Das war’s. Viel Zeit zum Üben hatten die Sänger der Israeli Opera nicht, bevor sie nun nach Wiesbaden reisten. Dort als ein Teil der berühmten Maifestspiele, die noch bis Ende Mai dauern, zeigte das Ensemble am Freitag die verstörende und phantasievoll Oper „The Child Dreams“ (Das Kind träumt) nach einem Theaterstück von Hanoch Levin, einem bekannten israelischen Dramatiker. Die vierteilige Inszenierung war ursprünglich eine Auftragsarbeit zum 25. Geburtstag der Israeli Opera im Jahr 2010. Der noch junge, sehr talentierte Komponist Gil Shohat und der Regisseur Omri Nizan hatten das Libretto dafür entwickelt, das – ungewöhnlich genug – in hebräischer Sprache gesungen wird. Bühne und Kostüme entwarf der Künstler Gottfried Helnwein, entsprechend ausdrucksstark und atemberaubend sind die Kulissen und Bilder. Die Oper erzählt eine visionäre Allegorie über Kinderschicksale in einer Welt zwischen Krieg, Zerstörung, Emigration und der Sehnsucht nach Frieden. Es ist eine Odyssee aus der Sicht eines Kindes, das erleben muss, wie der Krieg das Leben seiner Familie und sein eigenes erbarmungslos zerstört. Der Vater ist tot, das Kind flieht zusammen mit seiner Mutter mit einem Schiff. Es muss entscheiden, ob es auf einer Insel in Sicherheit, aber ohne seine Mutter weiterlebt. Oder, ob es mit der Mutter eine Reise ins Ungewisse fortsetzt. Die Trennung ist zu schmerzhaft, das Kind bleibt bei der Mutter, um am Ende doch im Tod allein zu sein. Das deutsche Publikum wird sich unwillkürlich an die Gräuel der Ermordung und Vertreibung von Juden im Zweiten Weltkrieg erinnert haben. Tatsächlich hatte der Autor Hanoch Levin das Schicksal der Flüchtlinge auf der St. Louis im Kopf, als er das Stück schrieb. Das Schiff aus Europa mit 900 Passagieren an Bord erhielt in Nordamerika keine Landerlaubnis und musste zurueckkehren. Die Oper jedoch geht einen Schritt weiter, wandelt die Geschichte zu einer, die gestern, heute und auch in Zukunft immer und überall so geschehen kann: Frieden als schier unerreichbares Ziel in einer grausamen Gesellschaft. So ist auch das Schicksal des Sohnes kein individuelles, seine Hoffnungen und Sehnsüchte nach einer gerechten und besseren Welt sind stellvertretend für andere. Yaniv d’Or, ein verkrüppelter Junge, der auf dem Boot ist, singt in einer der beruehrendsten Szenen: „Ich bin ein Poet, ich schreibe über dich, der du aus dem Nebel kommst, wieder zurückkehrst und darin verschwindest. Ich beweine deinen Tod. Dein Gesicht erzählt die Geschichte der verlorenen Träum; jeder Fehler der Menschheit ist eingraviert auf deinem Nacken, den man sieht, wenn du gehst.“ Nach drei Akten gönnt Shohat dem Publikum eine Pause. Dann folgt der letzte mit einer Kulisse, bei der einem der Atem stockt. Dutzende blutende Kinderkörper hängen von der Decke herab im dunklen Raum, manche bewegungslos, manche Pirouetten drehend. Das ist Helnweins grausam schöne Fortsetzung einer Installation zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht, die er 1988 in Köln zum ersten Mal zeigte: überlebensgroßen Gesichter christlicher, jüdischer und behinderter Kinder sind nebeneinander zu sehen. Auch sie wurde im Jahr der Uraufführung drei Wochen lang in Tel Aviv gezeigt – ergänzt mit Fotos israelischer Kinder. Die Mutter legt den toten Sohn zu den anderen. Sie alle warten auf die Wiederauferstehung des Messias. Doch der stellt sich – wie banal – als Handlungsreisender heraus. Helnwein sagte in einem Interview mit dem ORF-Fernsehen 2010 dazu: „Worauf das Ganze hinarbeitet, ist ein Berg von toten Kindern, die immer noch auf die Erlösung warten...“ Sie erinnerten sich an Zeiten, als sie noch gelebt haben, sie erinnerten, was ihnen alles versprochen wurde. Ihre Hoffnung haben sie noch immer. „Die Oper ist deshalb so aktuell, weil Kinder in den Konflikten dieser Welt immer noch die ersten sind, die draufzahlen“, so Helnwein. Für die Direktorin der Israeli Opera, Chana Munitz, kam kein anderer als Helnwein für das Bühnenbild in Frage: „Das war so natürlich. Das war, als wäre er erfunden für dieses Projekt. 20 Sänger und Sängerinnen der Israeli Opera tragen die Oper The Child Dreams. Ira Bertman singt die Rolle der Mutter, Hila Baggio den Sohn und Noah Briger den Kapitän. Das Symphonie-Orchester Rishon LeZion spielt unter der Leitung von David Stern, dem Sohn des berühmten Geigers Isaac Stern. Info: Gottfried Helnwein, österreichischer Maler, Fotograf und Installationskünstler ist seit langem eine feste und unverwechselbare Größe in der Kunst. Seit Ende der 60er Jahre steht die Darstellung des Schmerzes, des verwundeten Körpers als Zeichen einer verwundeten Seele im Zentrum seines künstlerischen Schaffens. Einen ganz besonderen Stellenwert nimmt in seinem Werk das Bild des Kindes und der Unschuld ein. Helnweins Bilder sind großflächig und in fotografischem Stil. Seit Ende der 1980er Jahre begann er Installationen im öffentlichen Raum in seine Arbeit einzubeziehen. Seit 1988 entwirft er auch zahlreiche Bühnenbilder, unter anderem für die Choreografen Johann Kresnik und Choreograf Gregor Seyffert, der in der Oper für den tänzerischen Part zuständig war, sowie für die Regisseure Jürgen Flimm und Maximilian Schell. Info: Die Maifestspiele in Wiesbaden dauern noch bis Ende Mai. Der Link führt zum Programm. www.maifestspiele.de
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