Die ungarische Autorin Noémi Kiss im Interview

„Frauen an der Donau“ hieß ein Symposium in der vh unschuldig – wie politisch das Thema ist, zeigt nicht zuletzt die ungarische Autorin Noémi Kiss.

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Noémi Kiss möchte, dass in der Zeitung steht, was sie zu sagen hat. Deshalb kommt sie am Rande des Symposiums „Frauen an der Donau“ in der vh auf die Journalistin zu, die möglicherweise nicht alles mitbekommen hat an diesem langen Tag. Denn die 1974 geborene Autorin, Kritikerin und Essayistin stammt aus Ungarn, ist eine „aufregende Stimme im Männergesangsverein der ungarischen Literatur“, wie die FAZ einmal schrieb (zuletzt erschien: „Schäbiges Schmuckkästchen. Reisen in den Osten Europas“ im Europa Verlag Berlin). Und sie will berichten – vom Leben und Schreiben unter der Regierung Viktor Orbán.

Wie ist es, derzeit als Frau in Ungarn zu schreiben?

NOEMI KISS: Es ist natürlich einerseits eine Selbstverständlichkeit. Andererseits tauchen Frauen auf der politischen Ebene kaum auf: Nur wenige Abgeordnete im Parlament sind Frauen. Entsprechend betreibt Viktor Orbán eine sehr patriarchalische Politik – schlimm ist vor allem seine Europapolitik. Seit einiger Zeit schon lässt er das Schlagwort vom „Huxit“ austesten, einem Ausstieg Ungarns aus Europa nach dem Vorbild Großbritanniens. Orbán, der übrigens 1989 ein Demokrat war, ist zum politischen Polarisierer geworden. Er wird den Brexit ausnutzen, um eine EU-feindliche Politik zu machen. Er wird auch damit polarisieren, wie schon mit der Flüchtlingspolitik.

Sie bezeichnen das als patriarchalischen Führungsstil. Gibt es Protest, der explizit von Frauen ausgeht?

KISS: Gegen die Europapolitik Orbáns hat im Internet tatsächlich schon eine von Frauen initiierte Facebook-Gegenbewegung angefangen. Und die EU ist auch ein Hauptgrund für mein aktuelles Buch über „Reisen in den Osten Europas“: Ich will, dass Osteuropa zu Europa gehört. In Ungarn existiert sowohl eine feministische Bewegung wie auch eine Opposition, die gar nicht so passiv ist, wie das von außen häufig dargestellt wird. Vor allem gegen die Gesundheitspolitik und die konservative Schulreform wird demonstriert. Doch die Regierung hat keinen Bezug zum Leben der Menschen, sie verficht zum Beispiel ein Frauenbild, das eigentlich gar nicht mehr existiert, dafür ist das Einkommen der Frauen für die Familien auch einfach zu wichtig.

Wie wirkt sich die politische Situation auf Ihr eigenes künstlerisches Schaffen aus?

KISS: Man kann in Ungarn durchaus frei schreiben, nur finanzielle Unterstützung bekommt man nicht. Die Gelder für demokratische Literaturinstitutionen sind stark gekürzt worden. Preise und Stipendien bekommen nur unkritische Künstler – und dann hauptsächlich Männer. Ich möchte mich hier nicht beschweren, aber es ist schwer, nur aus dem Schreiben eine souveräne Existenz aufzubauen. Bisher habe ich sieben Bücher veröffentlicht, ich mache Theater und Hörspiele. Viktor Orbán kann zwar beruhigt sagen: Du bist frei, du kannst vom Markt leben. Aber Geld gibt er nur seinen Hofkünstlern. Als junger Autor, Künstler oder Intellektueller ist man da in einer schwierigen Situation, selbst wenn die Kunst im Ausland anerkannt ist. Aushungern ist die übelste Methode – viele gehen deshalb ins Ausland, etwa nach Berlin, Paris oder Wien.

Wird man in dieser Lage zwangsläufig zu einer politischen Schriftstellerin?

KISS: Es gehört zur Aufgabe der Literatur, die Zivilgesellschaft zu stärken, auch regimekritisch zu sein, obwohl ich mein Land und meine Stadt Budapest liebe. Ich schreibe keine feministische Literatur, aber ich schreibe über Frauenschicksale. Damit gelte ich als feministische Autorin, auch wenn ich mich mit dieser Schublade nicht identifiziere.

Ist weibliches Schreiben ein Thema in Ungarn?

KISS: Seit etwa zehn, zwanzig Jahren ist das ein wichtiges Thema, nachdem es vom Kommunismus jahrzehntelang unterdrückt worden ist. Damals gab es einen Scheinfeminismus der „Traktorfrauen“, trotzdem blieben es patriarchalische Gesellschaften ohne einen weiblichen Blick auf die Welt. Heute ist dieser Blickwinkel in Osteuropa sehr gefragt, weibliche Literatur wird rezipiert und kanonisiert, Frauenbiografien von heute werden thematisiert. Die offizielle Kulturpolitik will das zwar nicht, weil es subversiv ist, aber vom Publikum wird es gelesen. Auch ich merke, dass ich viel stärker von Zeitungen angefragt werde als früher, dass weibliche Autorinnen gefragt sind. Und die Literatur wird gelesen! In solchen politischen Zeiten wird die Kultur wieder wichtiger – das ist die Gegenströmung.

„Frauen an der Donau“: Vier Schriftstellerinnen aus Osteuropa in der vh

Das Symposium Den Männern auf unbestimmte Zeit das Wahlrecht entziehen! Die serbisch-österreichische Schriftstellerin Barbi Markovic hatte diese Provokation in den Raum geworfen, und der natürlich ironisch gemeinte Vorschlag blieb darin hängen. Denn dass man insbesondere dem chauvinistischen Herrenclub in Osteuropa Beine machen muss, dass der patriarchalische Führungsstil von Putin, Orbán und Konsorten Europa nicht voran bringen wird – darüber gab es auf dem Podium in der vh keine Diskussion.

Vier Schriftstellerinnen aus Osteuropa waren in Kooperation mit dem DZM zum Symposium „Frauen an der Donau“ eingeladen, um literarische Aspekte der Geschlechterrollen zu diskutieren. Der Club Orange war voll besetzt, die Stimmung am Ende des breit gefächerten, lebendigen Gesprächs nicht zuletzt bei vh-Leiterin Dagmar Engels nahezu euphorisch. „Es sind heute in unser aller Köpfe so viele Zäune eingerissen worden“, befand sie. Dafür stand schon die Besetzung mit Autorinnen, die allesamt in mindestens zwei Sprachen zuhause sind – und fast alle auch in zwei Ländern: Die Kroatin Alida Bremer lebt in Münster, die Rumänin Dana Grigorcea in Zürich, die Serbin Barbi Markovic in Wien, nur Noémi Kiss kam direkt aus Ungarn eingeflogen.

„Geschlechterverhältnisse sind eine fantastische Spiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse“, sagte Alida Bremer als Moderatorin eingangs. Davon zeugt ihr eigener Roman „Olivas Garten“, in dem sie die so gut wie unbekannte Geschichte kroatischer Frauen in italienischen Internierungslagern im Zweiten Weltkrieg erzählt. Davon zeugt aber auch die aktuelle, traurige Geschichte der osteuropäischen Prostituierten, mit der sich Noémi Kiss befasst hat. lgh

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