Die Scorpions unplugged in Stuttgart

Die Scorpions sind neben Rammstein die international erfolgreichste deutsche Rock-Band. Jetzt waren sie auf Akustik-Tournee und machten vor 12 000 Zuhörern in der Stuttgarter Schleyerhalle Station.

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Mal ganz anders in der Schleyerhalle zu Gast: Scorpions-Sänger Klaus Meine beim Stuttgarter Unplugged-Konzert.  Foto: 

Die Band gibt es seit fast fünf Jahrzehnten und seit vier Jahren sind die Scorpions auf Abschiedstournee - oder eben nicht. Denn mittlerweile haben die Rocker aus Hannover auch mal den Abschied vom Abschied proklamiert. Will heißen, sie machen weiter, aber nicht mehr mit monatelangen Tourneen.

Und sie haben ganz offensichtlich auch Geschmack daran gefunden, die ganze Sache mal anders anzugehen. Unplugged heißt das, angelehnt an die Konzertreihe des Musiksenders MTV, wenn die Musiker auf die E-Gitarren verzichten und stattdessen zur Akustischen greifen. Für MTV wurde das alles im vergangenen Jahr in Athen eingespielt, jetzt machten die Rocker damit auch vor 12 000 Zuhörern in der Stuttgarter Schleyerhalle Station.

Dabei gehen die Musiker um Frontmann Klaus Meine nicht das erste Mal fremd. 2001 hatten sie für die "Acoustica"-Platte den Strom abgestellt, 2000 bei der Expo in Hannover mit Orchester gespielt - was sie 2002 in Stuttgart mit dem Daimler-Orchester nochmals machten. Die Herren kennen also die Tücken, wenn man die gewohnten verzerrten Gitarren, die ein Garant für eine massive Klangwand sind, mal in der Ecke stehen lässt. Und weil das so ist, haben die Scorpions schon für die Athener Konzerte klasse Sidemen verpflichtet, die sie jetzt mit nach Stuttgart brachten - inklusive eines Streicher-Oktetts. Auch die Band lief in veränderter Mannschaftsaufstellung auf: Schlagzeuger James Kottak fehlte. Der hatte vor vier Wochen betrunken in Dubai auf dem Flughafen randaliert und war dafür zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. Kein Drama, denn für Grobmotoriker Kottak sprang der wandlungsfähige Schwede Johan Franzon ein, der einen feinen Job ablieferte.

Und wie sind sie so, die akustischen Scorpions? Wohltuend anders. Denn mit der Akustischen in der Hand, auf Barhockern sitzend, muss keiner der Herren mehr den wilden Rocker spielen, wahlweise mit gegrätschten Beinen oder um die eigene Ache wirbelnd seine Flying-V (Rudolf Schenker) oder Explorer (Matthias Jabs) bearbeiten, also das zelebrieren, was zur Bühnenshow eines Hardrockers zwingend dazu gehört.

Wie die Bühnenshow eines Hardrockers auszusehen hat, haben sich die Musiker aus Hannover nur zum kleinsten Teil abgeguckt. Sie sind das Original, so stilbildend, dass in den 80er Jahren US-Plattenfirmen nicht nur händeringend nach Sängern mit deutschem Akzent suchten, sondern auch der damalige Manager der Nachwuchsband Bon Jovi seine Jungs mit auf ein Scorpions-Konzert schleppte, damit sie sich mal anschauen konnten, wie eine Rock-Band live auszuschauen hat. Nur: Diese Attitüde ist im Laufe der Jahre zum Klischee geworden, und Musikern, die wie Rudolf Schenker bereits das Rentenalter überschritten haben, will man den wilden, ungezügelten Saiten-Desperado einfach nicht mehr abnehmen.

Die Scorpions ohne Posing? Was bleibt, ist Musik pur. Da hatten sich Klaus Meine und Co. einiges einfallen lassen und hübsche, teils wirklich witzige Arrangements gestrickt, die die Qualität der Scorpions-Songs belegen. Nur eine starke Nummer verliert nichts, wenn sie mal mit der Gitarre am Lagerfeuer oder eben unplugged auf der Bühne gespielt wird, die Mandoline die harten Gitarrenriffs eher persifliert als interpretiert, oder Klaus Meine Gastsänger wie die Hamburger Rockröhre Cäthe ("In Trance", "When You Came Into My Life") oder den Ex-Revolverheld-Sänger Johannes Strate ("Hit Between The Eyes", "Rock You Like A Hurricane") auf die Bühne bittet. Mit Verlaub: Meine, der in drei Wochen 66 wird, konnte da mehr als nur mithalten.

Wenn bei einem Scorpions-Konzert ohnehin schon die meisten Klischees außen vor bleiben, kann man ja auch mal Sachen machen, die ansonsten ein No-Go sind: Matthias Jabs als Fusion-Gitarrist in "Delicate Dance", Rudolf Schenker als Sänger in "Love Is The Answer" und ein Klaus Meine, der sich dilettierend mit der Gitarre selbst begleitet ("Follow Your Heart"). Ganz schön mutig, aber auch witzig.

Der Rest waren Hits wie "Send Me An Angel", "Blackout", "Winds Of Change", "Big City Nights", aber auch Raritäten wie "Speedys Coming" - ein Song aus den frühen 70er-Jahren -, oder "Born To Touch Your Feelings" aus dem Jahr 1977, der unplugged wie ein Country-Waltz aus Nashville dahergeschunkelt kommt. Überhaupt: Ohne Verstärker landen auch die härtesten Rocker irgendwann mal im Americana-Delta zwischen Blues und Country.

Nur eines scheint sich nicht zu ändern: Auch akustisch setzt Rudolf Schenker auf die aufgebrezelte Gitarrenform einer Flying V, hat sich von diesem futuristisch zackigen Brett auch eine akustische Variante bauen lassen. Also doch wieder ein Rock-Klischee. Ja, aber eines, dass man an diesem Abend mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis nimmt.

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