Die Neunte in Japan

Das Jahresende wird in Japan stets begleitet von Beethovens 9. Sinfonie. Landesweit ertönt sie an Silvester und der Woche davor. Erstmals aufgeführt wurde sie dort 1918 - von deutschen Kriegsgefangenen.

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    In der Lagerdruckerei wurde der Programmzettel hergestellt, der die Erstaufführung von Beethovens "Neunter" in Japan ankündigt.
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    Das Deutsche Haus in Naruto. Foto: 
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Wie kommen deutsche Kriegsgefangene nach Japan? Das geschah im Ersten Weltkrieg, als Deutschland und Japan nicht, wie später, Verbündete, sondern Feinde waren: Deutschland hatte die chinesische Küstenstadt Tsingtau 1898 als Kolonie vereinnahmt, doch schon kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs eroberten die Japaner Tsingtao und nahmen rund 4700 Deutsche gefangen. Davon landeten später knapp 1000 im Lager Bando nahe der Stadt Naruto auf der Insel Shikoku.

Sie hatten Glück. Denn dieses Lager leitete der japanische Oberst Toyohisa Matsue, der den Gefangenen außergewöhnlich viele Freiheiten ließ. Sie konnten den Tag über praktisch tun, was sie wollten - und sie nutzten die Zeit, um im Lager eine perfekte Infrastruktur aufzubauen. Sie konnten außerhalb Land pachten, um Sportplätze anzulegen und um es zu bewirtschaften. Die Produkte konnten sie ebenso wie Erzeugnisse aus eigener Handwerksproduktion in eigenen Läden im Lager verkaufen.

Besonders nachhaltig waren die kulturellen Aktivitäten der Lagerinsassen. In zwei eigenen Druckereien gaben sie zwei tägliche Anzeiger heraus sowie eine wöchentlich erscheinende Lagerzeitung. Die größte Außenwirkung jedoch erzielten sie mit Theateraufführungen, vor allem aber mit musikalischen Produktionen. Neben zwei Chören bildeten sich drei Sinfonie-, ein Blas- und ein Kammer-Orchester sowie eine Mandolinenkapelle.

Ständig waren Orchester- und Chorkonzerte, Kammermusik- und Liederabende geboten. Das Deutsche Institut für Japanstudien berichtet, dass in Bando für die rund 32 Monate der Kriegsgefangenschaft von April 1917 bis Dezember 1919 über 100 Konzerte und musikalische Vortragsabende sowie mehrere Dutzend Theaterstücke und Unterhaltungsprogramme nachzuweisen sind.

In die japanische Kulturgeschichte eingegangen ist der 1. Juni 1918. An jenem Tag ertönte im Lager Bando zum ersten Mal Beethovens komplette 9. Sinfonie samt Schlusschor, gespielt von einem der Ensembles, dem Tokushima-Orchester. Auch wenn der 80 Mann starke Chor ohne Frauenstimmen auskommen musste, war es doch das erste Mal, dass Beethovens Neunte in Japan zu hören war. Sie gehört dort heute zu den beliebtesten Musikwerken. An jenes Ereignis erinnert eine Beethoven-Statue, die in der Nähe des Deutschen Hauses in der Stadt Naruto steht, zu der Bando mittlerweile eingemeindet ist. Im dortigen Kulturzentrum wird die Neunte jedes Jahr am ersten Juni-Wochenende aufgeführt.

Auch dem japanischen Publikum wurden Konzerte geboten, sogar in Tokushima, der Hauptstadt der Präfektur. Dort gaben die Gefangenen im Oktober 1919 ein Gastspiel mit Musik, Tanz, Theater - und einem Schuhplattler. Aus den ursprünglich drei Aufführungstagen wurden wegen der großen Nachfrage vier. Schon zur Hauptprobe waren rund 500 geladene japanische Gäste erschienen. Kontakt zur japanischen Bevölkerung gab es auch außerhalb solcher Veranstaltungen. So erteilte Paul Engel, Violinist und Leiter des gleichnamigen Engel-Orchesters, Japanern Musikunterricht.

Auch in anderen Disziplinen gaben die Deutschen ihre Kenntnisse weiter, etwa auf dem Gebiet von Ackerbau und Viehzucht oder Handwerk und Kunst. Sie betätigten sich als Brückenbauer - nicht nur im kulturellen, sondern auch im wortwörtlichen Sinne: Im Park des örtlichen Shinto-Heiligtums, des Oasa-Hiko-Schreins, errichteten sie zwei aus Steinen gesetzte Brücken. Sie gelten den Bewohnern von Naruto heute als Symbol der Freundschaft zwischen Japan und Deutschland.

Ein Monument der deutsch-japanischen Freundschaft

Das Deutsche Haus Eines der prägenden Gebäude in der japanischen Stadt Naruto ist das Deutsche Haus. Im Oktober 1993 eröffnet, ersetzte es einen Vorgängerbau aus dem Jahr 1972. Der war zu Ehren der Freundschaft gegründet worden, die zwischen den deutschen Kriegsgefangenen, die von 1917 bis 1920 im dortigen Lager Bando lebten, und der japanischen Bevölkerung herrschte. Die Geschichte des Lagers und seiner Insassen ist in einer Dauerausstellung zu sehen. Das Deutsche Institut für Japanstudien hat eine virtuelle Ausstellung ins Internet gestellt: bando.dijtokyo.org/

SWP

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