Die Natur ist ein unerbittliches Tier - eine Maschine

Berlin, Zürich. Alle spielen ihn. Dostojewskijs "Idiot" läuft nun auch in Stuttgart. Fünf Stunden voller Ideen, aber am Ende eine zäh zerdehnte Geduldsprobe.

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Manolo Bertling als "Idiot" mit Susanne Schieffer.  Foto: 

Müssen Romane aufs Theater? Klar, meint Armin Petras. Der Schauspiel-Intendant kann im Spielplan bereits eine stattliche Kollektion an Prosa-Adaptionen vorweisen: "Zauberberg", "Drachenblut", "Werther" und vieles mehr. Jetzt also Dostojewskijs "Idiot", mit dem Frank Castorf anno 2002 den Trend der Romanbearbeitungen fürs Theater nochmal richtig losgetreten hat. Gerade der "Idiot" ist immer aktuell: Denn er schildert die Wiederbegegnung eines lange isolierten, kindlichen Gutmenschen mit einer versifften Realwelt aus Gier und Geld und Sucht und Leere.

"Es wird geschossen": Mit diesem Hinweis warnt das Einlasspersonal im Stuttgarter Kammertheater die Zuschauer vor Beginn - und bietet einen Satz Ohrenstöpsel an. Regisseur Martin Laberenz (für die zeitlosen Kostüme ist seine Schwester, die Schlingensief-Witwe Aino Laberenz zuständig) platziert das Geschehen auf eine nur mühsam erklimmbare, hohe Spiel-Plattform. Ganz oben prangen Neonlettern des Glasgower Künstlers Nathan Coley: "There will be no miracles here". Womit das Thema angerissen ist - eine Welt im Zwiespalt zwischen finsterem Nihilismus und wahnhaftem Glaubensfanatismus.

Mittenrein in diese zerrissene Welt gerät der "Idiot". So jedenfalls schmäht die Umwelt den epilepsiekranken Ex-Sanatoriums-Patienten Fürst Myschkin - den spielt Manolo Bertling als geistvollen jungen Mann in kurzen Hosen und langen Kniestrümpfen. Bertlings "Idiot" ist vieles: ein empathischer Schwärmer, ein unbeirrbarer Menschenfreund, aber auch ein Vielredner, halb Weltverbesserungs-Nerd, halb visionärer Guru.

Laberenz geht locker mit der Bearbeitungs-Situation um. Es gibt Passagen, die im O-Ton gelesen werden: "Ende November, bei Tauwetter". Dann wieder jagen die Romanfiguren den peniblen Erzähler zum Teufel. Oder sie sprechen den Kürzungszwang an: "Meine Mutter ist gestrichen!" Zerdehnte Comedy gibt's auch, und improvisiert wird ausgiebig - etwa wenn die Männer sich bei der "Versteigerung" der begehrten Nastassja komplett entblättern und das Auktionsobjekt betatschen. Bis Bertlings Idiot Nastassja vor deren Peinigern rettet. Ein Erlöser? Klar, auch Hans Holbeins Bild "Der tote Christus im Grabe" taucht auf - als Reliquie in der Leuchtvitrine. "Die Natur ist ein unerbittliches Tier - eine Maschine", heißt es irgendwann. Es gibt aber auch - unter der Spiel-Plattform - eine Unterwelt. Und da lässt die Regie den todkranken Ippolit herumwurschteln. Peter René Lüdicke macht aus diesem Existenzialisten-Jüngling einen kettenrauchenden Untergrund-Grummler, der den Boden mit hunderten Romanseiten zumüllt. Ja, an Ideen mangelt es nicht - toll auch die Musik von Friederike Bernhardt. Die Inszenierung hat spannende Momente zwischen Nonsens und Philosophie, Blödsinn und Transzendenz. Doch in mehr als fünf Stunden zerfleddert vieles - auch die Ideenvielfalt - zwischen Erzähltheater und Geduldsprobe.

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