Deutsches Filmmuseum widmet sich "Film und Games"

Wie wir Geschichten erzählen und welche Bilder wir vor Augen haben, das wird von Filmen, aber auch vermehrt von Games geprägt. Das Deutsche Filmmuseum widmet sich einem komplexen Wechselspiel.

|

Es war am 26. April 2014, als in der Wüste von New Mexico ein außergewöhnlicher Fund gemacht wurde: 1300 Exemplare des Atari-Videospiels "E.T.". Das Game zum gigantischen Kinohit war 1983 gigantisch gefloppt, die unverkaufbaren Konsolen-Module waren verbuddelt worden. Wenn Computerspiele also bereits zur archäologischen Sensation taugen, sollten sie nicht Objekte musealen Interesses sein? Unbedingt, befand man am Deutschen Filmmuseum. Das Ergebnis ist die Ausstellung "Film und Games. Ein Wechselspiel".

Schon die Historien ähneln sich. Beide Medien sind in ihren Anfangsjahren verachtet und verteufelt worden. Heute ist mit beiden eine milliardenschwere Industrie befasst, heute sind beide erzählerisch und ästhetisch stilbildende, diskursiv wirksame Kulturformen. Das New Yorker Museum of Modern Art nahm 2012 Spiele von "Pac-Man" (1980) bis "Portal" (2007) in seine Sammlung auf, die Library of Congress den umstrittenen Ego-Shooter "Doom" (1993) in seine Liste bewahrenswerter Kulturgüter.

Filme und Games leuchten aus dem Dunkel: Die Ausstellungsarchitekten haben eine dreidimensionale Pixel-Welt gebaut, vom Film "Tron" inspiriert - die Disney-Produktion war 1982 ihrer Zeit weit voraus gewesen und hatte Szenen im Innenleben eines Computerspiels visualisiert. Im Filmmuseum steht sogar ein 32 Jahre alter "Tron"- Arcade-Automat: ein Spiel zum Film, der wiederum in ein Spiel eintaucht. Wechselspiele eben. In der Schau begegnen sich Filme und Games tatsächlich auf Augenhöhe, Ausschnitte aus 44 Filmen und 72 Games werden gleichberechtigt einander gegenübergestellt.

In den Anfangsjahren der Games gab es viele hingeschluderte "Spiele zum Film". Eigentümlich reizvoll aber waren frühe Spiele mit 8-Bit-Ästhetik: wenn in "Gun Fight" (1975) mit simplen Bildpunkten Kakteen als typische Western-Merkmale konstruiert wurden. Genres sind mit ihren klaren Strukturen, Codes und Zeichen überall unmittelbar erkennbar. Und oft werden filmische Handlungselemente zu Spielsituationen: Verfolgungsjagden, Duelle, Cliffhanger. Im Game "Indiana Jones and the Last Crusade" (1989) war erstmals die komplette Filmhandlung enthalten.

Der Reiz der Games aber steigt mit deren Eigenständigkeit und Originalität. Reitet der Spieler von "Red Dead Redemption" (2010) durch eine Wildwest-Wüste, fühlt er sich nur noch zitathaft an Ford oder Leone erinnert. Werden in "Monkey Island" (1990) Zweikämpfe mit flotten Sprüchen statt mit dem Degen entschieden, ist das eine nette Hommage an Errol-Flynn-Filme.

Es gibt aber ebenso "Filme zum Spiel": Kinoadaptionen von Games. Dabei musste die Branche aus Fehlschlägen wie dem albernen "Super Mario Bros." (1993) lernen. Die lukrativen "Resident Evil"-Streifen (seit 2002) folgen eben nicht der Handlung der Spiele, sondern suchen sich eigene Wege durch deren Zombie-Welt. Bemerkenswert ist die Entwicklung von "Tomb Raider": Seit 1996 entwickelte die virtuelle Heldin Lara Croft die Eigendynamik eines realen Popstars, wurde zur postfeministischen Action-Ikone verklärt oder als sexistisches Cyber-Lustobjekt kritisiert - und landete 2001 in Gestalt Angelina Jolies schließlich auf der Leinwand.

Manche Filmwelt wird durch Bücher, Comics und eben Games zum komplexen transmedialen Kosmos erweitert. So kann der Fan dank "Knights of the Old Republic" (2003) fantastische Kulturen im "Star Wars"-Universum erkunden, die auf der Leinwand nur angedeutet werden; Nebenfiguren wie Kopfgeldjäger Boba Fett treten plötzlich in den Mittelpunkt. Für das Game "Alien: Isolation" wurden 2014 zur Gestaltung der Schauplätze in einem Raumschiff sogar auf Entwürfe fürs Setdesign des ersten "Alien"- Films zurückgegriffen; die waren 1979 für den Dreh gar nicht so umfassend realisiert worden.

Natürlich lassen sich grundlegende Unterschiede zwischen Games und Film beschreiben: von den Handlungsmöglichkeiten des Spielers bis zur Erste-Person-Perspektive, die nicht nur in Ballerspielen essenziell ist und in Filmen nicht wirklich funktioniert.

Doch eine halbstündigen Collage im Filmmuseum zeigt, wie vielfältig das Kino Game-Elemente aufgreift und reflektiert. Und gleicht die Dramaturgie neuerer Action-Filme nicht der Level-Abfolge vieler Spiele? Sind sie so völlig anders als Jump 'n' Run-Games? Mancher unkaputtbare Filmheld scheint ja auch Extra-Leben zu haben wie eine Game-Figur. Überhaupt ist das Verschwinden des physikalischen Realismus im Actionkino gleichermaßen der Omnipräsenz von Computereffekten wie dem Einfluss von Games geschuldet.

Am 30. Juli startet die Science-Fiction-Komödie "Pixels" in den Kinos. Darin wird die Erde von Aliens angegriffen: mittels Pac-Man-, Donkey-Kong- und anderer Videospiel-Figuren. Ein Spaß - aber man sollte Games tatsächlich nicht unterschätzen. Was der "Citizen Kane" des Videospiels sei, wird im Ausstellungskatalog gefragt. Essayist Steven Poole entgegnet selbstbewusst: Was ist denn das "Tetris" des Kinos?

Sehenswert und lesenswert

Ausstellung Die Schau "Film und Games. Ein Wechselspiel" ist bis 31. Januar 2016 im Filmmuseum des Deutschen Filminstituts in Frankfurt zu sehen:

Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr. Zur Ausstellung ist im Bertz & Fischer Verlag ein Katalog erschienen (256 Seiten, 281 Fotos, 34.90 Euro), der sich facettenreich und gut verständlich mit dem Thema auseinandersetzt.

 

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Müllentsorgung: Anlieger fühlen sich überrumpelt

Die neue Regelung, dass Müllautos im Ulmer Stadtgebiet nicht mehr alle Haushalte  anfahren, sorgt für Diskussionsstoff. weiter lesen