Deutsche Theater zeigt Dürrenmatts "Besuch der alten Dame"

Mehr als gymnasiale Pflichtlektüre: Das Berliner Deutsche Theater zeigt, dass Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" durchaus noch funktioniert.

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Ulrich Matthes als Alfred Ilg im Deutschen Theater Berlin.  Foto: 

In der maßgeblichen Literatur-Debatte sind sie als erledigt und mausetot abgeheftet. Doch derzeit erleben die beiden erfolgreichsten Schweizer Nachkriegs-Dramatiker, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, ein kleines Revival.

Von Dürrenmatt erweist sich zumindest "Der Besuch der alten Dame" aus dem Jahre 1956 als durchaus bühnenhaltbar - mit seiner parabelhaft klarlinigen Story von der Verführungskraft des Geldes, demzuliebe wohlanständige (Klein-)Bürger skrupellos wortwörtlich über Leichen gehen. Mit der kunterbunt aufgepoppten Kurz-und-Schmerzlos-Inszenierung von Bastian Kraft hat diese unschlagbar triftige Korruptions-Etüde am Berliner Deutschen Theater ihr Publikum erreicht und offensichtlich zufriedengestellt.

Brav realistisch nacherzählt wird da gar nichts. Auch von zwei tollen Hauptrollen - der unbarmherzig Rache an ihrem Jugendgeliebten nehmenden Milliardärin aus Übersee und ihrem zum Mordopfer der korrumpierbaren Dorfgemeinschaft gewordenen Übeltäter von damals - ist nur eine übrig respektive ganz geblieben: die des Opfers.

Ulrich Matthes spielt den Alfred Ilg wie eine tragische Kafka-Figur, offenen Mundes staunend, zu welch ruchlos mörderischen Konsequenzen nicht nur die sitzengelassene Geliebte, sondern auch seine verheuchelten Mitbürger im Handumdrehn fähig sind.

Die andere Hauptfigur aber, die legendäre Claire Zachanassian, tritt in fünffacher Gestalt auf, allesamt im Glitzer-Pailettengewand unter knallroter Riesenperücke - man weiß eben, was man der brechtschen Verfremdungstechnik schuldig ist. Eine der fünf Damen ist gar männlichen Geschlechts, das macht aber nichts, denn das Quintett teilt auch noch die ganze entindividualisierte Dorfgemeinschaft wahllos unter sich auf. Eine für alle und alle gegen einen - das Kollektiv der ewigen Menschenmonster im besinnungslos egozentrischen Vernichtungsrausch.

Das ist keine schlechte Inszenierungskonzeption, zumal sich das überdeutlich zeichenhafte Grotesk-Komische in das luftige Bühnenbild von Simeon Meier fortsetzt, das auf abstrakte Strichelemente verkürzt ist.

Der Schweizer Literaturkritiker Peter von Matt gibt im Programmheft die einleuchtende Vorgabe, wenn er sagt: "Wenn man Dürrenmatt verstehen will, denkt man besser an King Kong als an den ,Guten Menschen von Sezuan." Er sieht das Stück - und Bastian Krafts Inszenierung versucht das umzusetzen - auf einer Linie mit Jarrys "König Ubu", Wedekinds "Lulu", dem frühen Brecht und dem späten Heiner Müller. Dazu passen dann sogar die Songs von Lady Gaga, an denen auch der sonst so ernst am Stücktext bleibende Ulrich Matthes seine Sangeskünste ausprobieren darf.

Alice im Wunderland oder zumindest fröhlicher Kinderfasching - das macht ihnen allen sichtbaren, karikaturistisch-kabarettistisch gemeinten Spaß.

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