Der romantische Wahnsinn

Wer ist verrückt, Elvira, Arturo, alle? Auf jeden Fall ist Vincenzo Bellinis Belcanto wahnsinnig schön:  „Die Puritaner“ umjubelt an der Oper Stuttgart.

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Elvira, allein zu Haus. Aber Arturo ist auch ganz verzweifelt. Edgardo Rocha und Ana Durlovski in den „Puritanern“.  Foto: 

Mitten im Urwald treibt ein Flussdampfer. Unberührtes tropisches Grün, paradiesische Tierlaute. Aber aus dem Grammophon an Deck tönt kostbarste Zivilisation: Arturos Kavatine „A te, o cara“ aus Vincenzo Bellinis Oper „Die Puritaner“. Unvergesslich. Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ ist die Geschichte eines Abenteurers, der besessen davon ist, im peruanischen Dschungel ein Opernhaus zu bauen. Ein verrückter Film mit dem irren Klaus Kinski in der Titelrolle – und mit der wahnsinnig romantischen Musik des italienischen Belcanto.

Schon Bellinis 1835 uraufgeführte „Puritaner“ handeln von einem Menschen, der dem Wahnsinn verfällt: Elvira. Die Oper spielt im England des 17. Jahrhunderts,  als der Bürgerkrieg tobte, der katholische König Karl I. geköpft wurde und ein Brexit von heute dagegen wie ein Kindergartengezänk erscheint. Da soll also Elvira, die Tochter des puritanischen Gouverneurs, in dem belagerten Plymouth den Ritter Arturo heiraten. Super, den liebt sie sowieso. Nur dass der Bräutigam ein Royalist ist und die Gelegenheit nutzt, um der vom Tode bedrohten Enrichetta,  der Witwe des enthaupteten Königs, zur Flucht zu verhelfen: getarnt ausgerechnet mit einem Brautschleier. Da kann man sich als Elvira wirklich betrogen fühlen und wahnsinnig werden. Und den ganzen Schmerz heraussingen.

 Jossi Wieler und Sergio Morabito, die in  Stuttgart bereits mit „Norma“ und „Sonnambula“ große Bellini-Erfolge feierten, inszenieren natürlich auch die „Puritaner“ nicht als Historienschinken. Aber in Anna Viebrocks wieder schmutzig hyperrealistischer, großartiger Bühne – ein multifunktionales Burgverließ –  stehen welche herum: Historienschinken, gemalt. So ironisch leicht geht das Regie-Duo mit dem Stoff um. Die Gemälde zeigen vor allem Porträts, und beispielsweise Enrichetta (Diana Haller) leidet derart unter dem, was die Porträtierten ihr eingebrockt haben, dass sie regelrecht von einem Bild begraben wird.

Arturo tritt wiederum in bunter Die-drei-Musketiere-Kostümierung zum berühmten „A te, o cara“ auf und schmachtet Elvira an: lustige Klamotte. So wär’s, narren die Regisseure ihr Publikum, wenn man die „Puritaner“ konventionell aufführte; diese  Verwicklungen im Libretto sind ja auch hanebüchen konstruiert. Aber es geht um etwas anderes: Um Traumbilder, die mit der Realität konfrontiert werden. Und um die Seelennot der Menschen, um ihre Leidenschaften, um Liebe, Verzweiflung, Tod. Das erzählt die Musik. Wieler/Morabito verstehen dann auch keinen Spaß mehr: Nicht nur Elvira wird verrückt ob ihres Schicksals, die puritanische Gesellschaft (starker Staatsopernchor) ist es sowieso und verrenkt sich sichtbar an ihrem religiösen Eifer.

Vor allem leidet Arturo: Der wollte ja nur ehrenvoll die Königin retten und verstrickte sich schuldhaft. Fast blind kehrt er aus dem Krieg zurück und ist bis zur Raserei entsetzt: Elvira ist mit ihren Gefühlen gefangen im Spielzeughaus. Auch Arturo steckt in einer Extremsituation: hörbar bis zum hohen F. Und das singt der fabelhafte Edgardo Rocha sogar mit der Bruststimme. Ein Top-Tenor in einem Spitzenensemble.

Ana Durlovski als Elvira: einmal mehr mit Koloraturenwahnsinn, herzzerreißend aber auch Bellinis so schmerzlich schöne Linien aussingend. Dazu Gezim Myshketa als Riccardo, Roland Bracht als Lord Valton – und der sensationelle Bassbariton Adam Palka als Sir Giorgio mit der Arie  „Cinta di fiori“, das kantabelste Bellini-Glück. Eine frenetisch umjubelte Premiere.

„In ihr erklingt erstmals alles, was Bellini für die Pariser Uraufführung komponiert hat“, heißt es im Programmbuch zur Stuttgarter Aufführung.“ Das ist keine Drohung, der  Abend dauert mit Pause fast vier Stunden, aber man kann nicht genug von dieser Musik bekommen, weil auch Dirigent Giuliano Carella und das vortreffliche Staatsorchester den Bellini genießen: mit geschmeidigen Tempi, nicht immer schwebend leicht,  aber  zunehmend fiebrig, dramatisch melodienselig. Bellinis „Puritaner“: nicht mit Fitzcarraldo auf dem Amazonas, im Kino, sondern erreichbar auch am Eckensee.

Info Weitere Aufführungen am 14., 17. und 27. Juli.

Fußballfreie Premieren

EM-Termine Nur ja keine Premiere an einem EM-Spieltag oder gar am Finale, sagten sich die Disponenten. So kam die Oper Stuttgart nicht wie üblich sonntags, sondern am Freitag mit den „Puritanern“ heraus. Da hatten auch, nicht weniger fußballgerecht, die Schlossfestspiele Ludwigsburg und die Heidenheimer Opernfestspiele Premiere.

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