Der Planet Erde und das Atwood-Universum

Das Verhältnis Kunst - Mensch - Technik stand im Zentrum der Edinburgher Festivals 2013. Erneut gab es hunderte Veranstaltungen für tausende Besucher.

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Sieht so die Zukunft aus? Dystopie in der Kletterhalle. Foto: Douglas Chalmers/EIF

Die Tickets kaum gekauft, erhält der Theaterbesucher eine E-Mail. Fast vier Wochen vor der Premiere gibt ihm die Protagonistin Tipps, wie er sich vorbereiten kann auf die Aufführung in Edinburgh. Zunächst weiß er nur: "Leaving Planet Earth" beginnt im Conference Centre und endet in einem Steinbruch. Die Lust, diese Welt mit all ihrem Stress, zwischenmenschlicher Kälte, Finanzkrisen und Kriegen hinter sich zu lassen, steigt mit jeder folgenden Mail. Je näher die "Abreise" von diesem Planeten rückt, desto dringlicher "Velas" elektronisch versandte Aufforderung, zu überlegen, "was wir dieses Mal besser hinkriegen müssen?" Die Illusion wird lange vor der Veranstaltung zur imaginierten Möglichkeit, der sonst passive Betrachter per Gedankenspiel einbezogen. Wer will, kann Fotos oder Videobotschaften zurückmailen. Woran möchte er sich in der Neuen Welt erinnern? Was könnte der Menschheit beim Neuanfang von Nutzen sein?

An einem von drei Schaltern "checkt" er am Aufführungstag "ein" und bekommt ein blaues, grünes oder violettes Plastikkästchen ans Handgelenk geschnallt. Dessen Leuchtdiode blinkt zur Abfahrt in drei Bussen immer öfter und heller auf. Auch die Fahrt hinaus in eine große Indoor-Kletterarena nutzt das auf ungewöhnliche Spielorte spezialisierte Ensemble Grid Iron in ihrem speziell fürs 67. Edinburgh International Festival (EIF) mit seinen 188 Veranstaltungen in drei Wochen konzipierten Stück, um den "letzten Migranten" den Aufbruch schmackhaft zu machen.Dort ziehen die drei Gruppen getrennt durch Szenarien einer immer unattraktiver werdenden Zukunft. Wie groß die Hoffnungen beim Schwur vor dem "Absprung" von der "Alten Erde" gewesen sein mögen, Heimweh, Sehnsucht, Geltungsdrang, Kontrollwahn und die Abhängigkeit von Technik nimmt der Mensch mit in diese Neue Welt - bis hin zum audio-visuell beeindruckenden, aber doch ernüchternden Showdown.

Wie sieht die Welt der Zukunft aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die kanadische Autorin Margaret Atwood. Bei einem anderen der jetzt in der schottischen Hauptstadt zu Ende gegangenen Festivals, dem 30. Internationalen Bücherfestival - 225 000 Besucher bei 700 Veranstaltungen mit 800 Autoren aus aller Welt -, stellt sie "Maddaddam" vor, Teil drei einer vor zehn Jahren mit "Oryx und Crake" begonnenen Trilogie. Sie schreibe diese Bücher, um solche "möglichen Zukünfte" nicht irgendwann erleben zu müssen, sagt die 73-Jährige, deren Dystopien die nahe Zukunft so gut treffen, dass ihr seherische Fähigkeiten unterstellt werden. "Christlicher Fundamentalismus, Stadtgärtner, Überwachung à la NSA - die Bestandteile dazu sind immer schon vorher da", sagt sie.

Mit der Zukunft beschäftigten sich auch die erstmals veranstalteten Festivals "Stripped" für Comics und das Internationale Fernseh-Festival mit Starredner Kevin Spacey: Der forderte ganz sci-fi-frei schnöde Steuererleichterungen für regionale Produktionen.

In der Sparte Musik des EIF feierten das Kölner Ensemble musikFabrik Frank Zappa, Patti Smith und Philip Glass den Dichter Allen Ginsberg, während sich Pianist Pierre-Laurent Aimard und Elektroniker Marco Stoppa wiederum damit beschäftigten, wie die Musik in einer digital-virtuellen - zukünftigen - Welt klingen mag.

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