Der neue Roman von Julia Wolf

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Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen. Frankfurter Verlagsanstalt,160 Seiten, 21 Euro.  Foto: 

Von einem Mann im Moment des Kollabierens erzählt die 1980 geborene Julia Wolf in ihrem zweiten Roman „Walter Nowak bleibt liegen“. Er spielt ganz im Innern ihres Helden, der sich mit seinen knapp 70 Jahren in einer veritablen Krise befindet. Der Ausgangspunkt des Buches: Mit einer dicken Beule am Kopf, blutüberströmt, liegt Nowak im Badezimmer seines Hauses. Und er fragt sich, wie er dort hingekommen sein mag. Eine äußerst existenzielle Frage: Sie berührt das ganze bisherige Leben, das nun in einem wahnhaften Bewusstseinsstrom an ihm vorbeirauscht. Kleine Szenen reihen sich aneinander, die sich der Leser zu einem Bild zusammensetzen muss.

Eine dieser Episoden ist erst wenige Tage alt: Seine Urologin stellt eine niederschmetternde Diagnose. Walter Nowak ist schwer krank. Er habe zwar gute Heilungschancen, aber doch gemahnt ihn die Nachricht an die Vergänglichkeit. Wenn es eng wird, beginnt das Grübeln. Und die Verdrängungsmechanismen funktionieren nicht mehr gut.

Auch die Routinen des Alltags geraten durcheinander. Im Schwimmbad, wo er täglich seine Bahnen zieht, schaut er ein bisschen zu intensiv und alterslüstern einer bezopften jungen Frau hinterher, die ihn an seine Partnerin erinnert. Und schwimmt ihr, sich selbst vergessend und überschätzend, dreist hinterher: „Den Fisch fange ich mir. Schon schieße ich durchs Wasser, einen Moment lang ist da nur das Brennen in meinen Muskeln, in meinem Brustkorb, sind da nur Blasen und ihr rosa Badeanzug . . .“ Und er schlägt gegen den Beckenrand. Hat er sich dort die blutige Wunde zugezogen? Liegt er deshalb regungslos auf dem Badezimmerboden?

Bei Julia Wolf bleibt das im Ungefähren, sie gönnt uns und ihrem Helden keine Gewissheit. Aber sie lässt Walter Nowak in seinem langen Monolog immer tiefer in die Vergangenheit eindringen. Immer wieder kommen Nowak Strophen aus Elvis-Songs in den Sinn. Er denkt zurück an seine verkorkste Ehe, an den längst erwachsenen Sohn, zu dem er nie eine engere Beziehung aufbauen konnte. Und er erinnert sich an seine Zeit als Geschäftsführer eines Hebebühnen-Verleihs – ein von Julia Wolf raffiniert gesetztes Detail: Die Aufstiegsfantasien in der guten alten Bundesrepublik sind damit genau beschrieben. Die Hebebühne ist eine Plattform, auf der man immerhin ein paar Meter in die Luft gehoben wird, aber doch stets auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

Beschädigtes Leben

So geht es wild hin und her und immer tiefer hinunter in die einsturzgefährdeten Stollen der eigenen Geschichte: Überall lauern Missverständnisse und Verluste, Fragen und Zweifel. Es ist eine Reise durch verschiedene Zeiten, die Julia Wolf motivisch geschickt verknüpft. Einzelne Erinnerungsfetzen heften sich an andere. Nach und nach entsteht aus diesem Tohuwabohu das Panorama eines beschädigten Lebens: Hier ist einer, der zum ersten Mal mit sich selbst zu tun bekommt, in ein Selbstgespräch gerät, das er bislang tunlichst vermieden hat. Man spürt eine große Müdigkeit bei diesem getroffenen Mann.

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