Bluesmusiker Al Jones lebt auf der Alb

|
Eine Blues-Koryphäe mit eigenem Ton: Al Jones.  Foto: 

So politisch korrekt die Menschen auch sein mögen, in der Musik gibt es immer noch jede Menge Klischees. Der Nordeuropäer neigt zum Grüblerisch-Ästhetischen, der Südeuropäer zur verspielten Virtuosität, der Asiate ist perfekt in der Reproduktion, Afroamerikaner haben einen ganz speziellen Groove und ihnen ist der Blues in die Wiege gelegt. Klar, dass dann einer, der solche Gene in sich trägt, zu einer Koryphäe des Blues werden muss. Al Jones ist eine Blues-Koryphäe. Nur an die genetische Bestimmung glaubt er nicht.

Al Jones heißt mit bürgerlichem Namen Alfred, den Nachnamen hat er von seinem amerikanischen Vater Eugene Philip Jones. Der diente als First Sergeant der US-Armee in Grafenwöhr. Alfreds Mutter stammt aus Weiden. Und dort wurde Alfred im Dezember 1951 geboren – als „half breed“, also Mischling in der katholisch-konservativen Oberpfalz: „Das habe ich nur bemerkt, wenn ich in den Spiegel geschaut habe, die Leute haben mich nie spüren lassen, dass ich anders aussehe“, sagt Jones mit oberpfälzischem Zungenschlag. Vielleicht auch deshalb, weil der US-Soldat Alfreds Mutter heiratete.

Papa Jones hatte eine Musiktruhe mit jeder Menge amerikanischer Platten quer durch alle Stilarten – „von Sony Rollins bis Ray Charles“.  Und Jones senior war es auch, der seinem Sohn die erste Gitarre schenkte. Nur: Die lag nach gerade mal vier Gitarrenstunden schon in der Ecke. „Die Volkslieder, die man mir gezeigt hat, haben mich nicht interessiert“, erzählt Al Jones heute. „Ich wollte Beatles-Songs spielen, doch die konnte mir damals keiner beibringen.“ Wie gesagt: Die Gitarre lag in der Ecke, bis Alfred und sein Freund Oscar Pöhnl das American Blues & Folk-Festival im Fernsehen sahen: „Da spielte Otis Rush. Und der hat mich einfach weggeblasen.“ So wollte Alfred auch klingen.

Eine E-Gitarre musste her.  Und die stotterte der Einzelhandelskaufmannslehrling ein Jahr lang in Raten zu 25 Mark ab. „Das war eine italienische Gitarre, eine Eko.“ Die Fender Stratocaster, die damals im Schaufenster des Musikhauses Lindner in Weiden lag, war schlicht unerschwinglich.

Mit Ossi Pöhnl, dessen Brüder in der Beat-Band The Downlookers spielten, gründete Al Jones seine erste Blues-Band, hörte sich das Material stundenlang von Platten ab, spielte immer wieder als Special Guest bei den Auftritten der Downlookers, und Pöhnls Brüder waren es auch, die Jones und dessen Band für einem Nachwuchswettbewerb in Regensburg anmeldeten, wo die jungen Weidener auf Platz drei landeten. Ins Profi-Lager wechselte Jones ein Jahr später. Der 17-Jährige nahm seine Gitarre, ging nach München und stieg bei den Krautrockern von Embryo ein, mit denen Jones auch auf dem Love-and-Peace-Festival im September 1970 auf Fehmarn spielte, bei dem Jimi Hendrix das letzte Mal auf einer Festival-Bühne stand. Hendrix? „Ich konnte gar nicht fassen, dass einer live noch so viel besser spielte als auf der Platte“, erinnert sich Jones, der nach dem Großmeister auf die Bühne musste: „Nach Hendrix spielen? Ich bekam da nichts Vernünftiges mehr aus der Gitarre.“

An der Seite von Louisiana Red

Nach Embryo spielte Jones in diversen Bands, unter anderem bei Sinto, jobbte und gründete Ende der 70er wieder eine Blues Band – mit seinem alten freund Oscar Pöhnl. Und seitdem ist er dem Blues treu geblieben mit der Devise, so authentisch wie möglich zu spielen statt andere zu kopieren – halt so, wie es aus einem herauskommt. Vor einem müsse man sich hüten: vor der „feigen Schönspielerei“.

Das Ergebnis: Jones hat das, was große Musiker vom Mittelmaß unterscheidet, einen unverkennbaren Ton auf der Gitarre. Für die amerikanische Fachzeitung „Livin’ Blues“ gibt es außerhalb der Vereinigten Staaten keinen vergleichbaren Interpreten. Und in Europa engagierten Legenden wie Champion Jack Dupree und Louisiana Red den in Münsingen auf der Alb lebenden Jones.  Letzterem hat er den Titelsong seines neuesten Albums „In Time, Right Time, Any Time“ gewidmet. Auch weil Louisiana Red ihn tief in die Geheimnisse des Blues eingeweiht hatte. „Den muss man sich draufschaffen, den muss man lernen, den muss man sich erhören“, sagt Jones, der weiß, wovon er redet.

Termine „In Time, Right Time, Any Time“ ist bei Stormy Monday Records erschienen. Nächste Konzerte: 27. Dezember in München (Unterfahrt), 13. Januar Inning (Spetacle), 20. Januar in Weinheim (Muddy’s Club), 21. Januar Memmingen (Grünes Haus).

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gaffer von Heidenheim soll mit Video identifiziert werden

Die Polizei hofft, den Gaffer von Heidenheim mit Hilfe von Videoaufnahmen eines Autofahrers identifizieren zu können. weiter lesen