Der Feind ist der Andere

Weltweit trainieren Soldaten das Schießen. Dabei üben sie oft an Attrappen, die dem Feindbild ähneln sollen. Herlinde Koelbl hat solche Anlagen weltweit auf Truppenübungsplätzen fotografiert.

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Eine Wiese mit Kühen, dazwischen stehen Bäuerinnen mit Kittel und Kopftuch. Dies ist jedoch keine ländliche Idylle, die Frauen haben ein Gewehr umgehängt - die Figuren auf der Wiese sind Silhouetten auf einem militärischen Übungsplatz, an denen deutsche Soldaten das Schießen trainieren. Ein Schießziel in Mali ist dagegen auf ein Holzgerüst gepinntes schlichtes Plakat: ein Mann in schwarzem Anzug und weißem Hemd, ein roter Punkt im Zentrum markiert das Herz.

So unterschiedlich sind die Bilder vom Feind, an denen Soldaten in aller Welt mit dem gleichen Ziel konfrontiert werden: das Töten zu lernen. "Targets" - Ziele - heißt das jüngstes Projekt der Fotografin Herlinde Koelbl, das sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin präsentiert: 250 Arbeiten, eine Videoinstallation und Auszüge aus Interviews an Hörstationen.

Über sechs Jahre lang war Herlinde Koelbl auf Truppenübungsplätzen unterwegs. Sie besuchte Kasernen und militärische Ausbildungsstätten in fast 30 Ländern, darunter die USA, China, Russland aber auch die Mongolei und der Irak. Zutritt zu den Militärs verschaffte sie sich über das Verteidigungsministerium. Mitunter dauerte es Jahre, ehe die Genehmigung erteilt wurde, Nordkorea gehört zu den Staaten, die der Fotografin die Einreise verweigerten. Dabei verfolgte sie überall das gleiche strenge Konzept: "Ich wollte keine Action, keine rennenden Soldaten, keine Gewalt sondern eine bewusst strenge, sachliche Fotografie." Dennoch lösen die Bilder beim Betrachter ambivalente Emotionen aus.

Im Mittelpunkt stehen die Fotos der Schießziele, an denen Soldaten auf den Krieg vorbereitet werden. Sie machen auf beklemmende Weise Unterschiede und Parallelen der Feindbilder deutlich. Während es in den USA etwa früher üblich war, auf eine grüne Figur mit rotem Stern am Helm zu zielen, so hat sich das Feindbild in den westlichen Staaten mittlerweile geändert. Die Figuren tragen eindeutig muslimische Züge, Kopftuch oder Turban.

In den ärmeren Ländern behilft man sich mit schlichten, teilweise nur krakelig aufgemalten Zielscheiben wie in der Mongolei oder bei der Polisario in der Westsahara. Mitunter sind ganze Szenen abgebildet, etwa in Norwegen, wo ein Vermummter mit einer Pistole eine blonde Frau bedroht. Der Kopf des Vermummten ist von Löchern durchsiebt, aber auch die Frau hat Treffer abbekommen.

Ein eigenes Kapitel ist den Übungsanlagen gewidmet, in denen die Soldaten für den Nahkampf ausgebildet werden - Geisterstädte, die erschreckend realistisch wirken. Hollywood-Designer entwarfen dafür ein Dorf mit Moscheen und Minaretten, deren Kuppeln golden in der Sonne glänzen. Vor den Geschäften liegt Obst und Gemüse aus Plastik, beim Fleischer hängt ein Plastiklamm am Haken.

Andere Fotos zeigen Fachwerkdörfer und Kleinstädte, in Frankreich sind die Straßen des Modellortes benannt, sie tragen erstaunlicherweise deutsche Bezeichnungen wie "Berliner Straße" und "Universitätsstraße". Man wundert sich, wie das fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch möglich ist. Was alle militärischen Übungs-Orte gemeinsam haben: Sie sind menschenleer, auf den Straßen herrscht eine gespenstische Ruhe, die Stille vor dem ersten Schuss.

Im Gedenkjahr an den Ersten Weltkrieg dokumentieren Herlinde Koelbls Fotos eindrucksvoll, wie sich weltweit Soldaten noch immer auf einen Krieg vorbereiten. Die Ausstellung prangert nicht an, sie hinterfragt auch nicht Sinn und Zweck einer Armee. Doch sie zeigt unmissverständlich, was es bedeutet, Soldat zu sein: Er ist Aggressor und Opfer zugleich. Der Feind ist immer der Andere.

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