Demis Volpi: „Der Tanz kann nicht lügen“

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Demis Volpi ist ein Shootingstar der Choreografen-Szene. Seine Tanzversion des Jugendbuchklassikers „Krabat“ gilt als größter Kassenschlager der letzten 20 Jahre am Stuttgarter Ballett. Gerade wurde er für den renommierten Prix Benois de la Danse vorgeschlagen, den Marcia Haydée Ende des Monats fürs Lebenswerk erhält. Der 31-Jährige Volpi hat aber vorher noch einen wichtigen anderen Termin, der ihn ziemlich fordert: In drei Tagen kommt an der Stuttgarter Staatsoper unter seiner Regie Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ heraus. „Wenn ich ein Stück mache, lebe ich darin“, sagt der Deutsch-Argentinier. „Alles dreht sich nur darum.“ Letzte Woche setzte er sich nach einer Probe ins Opernhaus, in Richard Strauss‘ „Salome“. Das Sujet war ihm vertraut, schließlich hat er fürs Ballett eine eigene „Salome“ abgeliefert. Und doch fremdelte er  mit dieser Vorstellung – „wo ich doch gerade  jeden Tag in Venedig gewesen bin“.

Herr Volpi, nicht sehr viele Choreografen gehen in Richtung Oper, eher schon Theaterregisseure oder auch mal Bühnenbildner. Was interessiert Sie so besonders an dieser Kunstform, dass Sie in einem relativ jungen Alter jetzt schon ihre zweite  Oper inszenieren?

Dass ich da mit dem gesungenes Wort umgehen kann. Das habe ich beim Tanz nicht. Der Tanz ist,  wie die Musik, direkter. Wenn ich eine Bewegung mache, kann ich nicht behaupten, dass ich das nicht tue. Sie ist einfach da. Das ist ja das Wunderschöne: Der Tanz kann nicht lügen. In der Oper hat man durch das Wort eine andere Ebene, auf der die Musik manchmal etwas anderes erzählen kann als das Wort.

Wie kam es jetzt zu „Tod in Venedig“? Immerhin eine äußerst  seltene Kooperation von Staatsoper und Stuttgarter Ballett, die erste seit acht Jahren.

Es war Jossi Wielers Idee. Der Opern-Intendant hat mich vor drei Jahren, vor der Premiere von „Aftermath“, mit dem Vorschlag überrascht. Es ist eine große Chance, etwas zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Und es ist toll, welche Freiräume sie mir erlauben. Die Offenheit beider Sparten hat mich sehr gefreut. Ich denke auch, dass die Tänzer und Sänger diese Form von Begegnung und Gemeinsamkeit genossen haben. Gerade bei so einer Geschichte, bei der es um die Vermischung der Ebenen, Sprachen und Welten geht, wäre es falsch, sie auseinanderzuhalten.

„Tod in Venedig“ könnte  man ja auch als Ballett erzählen wie John Neumeier in Hamburg. Warum interessiert Sie der Stoff als Oper?

Zum einen, weil die Figuren von Sängern und von Tänzern dargestellt werden. Dann hat Britten die sieben Figuren, die in der Novelle als Todesgestalten angedeutet werden, in einem einzelnen Sänger vereint. Ich frage mich, was  hinter diesen Figuren steckt. Und was ihre Intention ist, über zweieinhalb Stunden die Hauptperson Aschenbach zu verführen. Die Musik hat eine wahnsinnige Durchsichtigkeit und  Durchlässigkeit. Und die  versuche ich auch auf die Bühne  zu bringen. Der junge Tadzio, den Aschenbach beobachtet, ist ein Schönling wie Apoll. Er wird von  Aschenbach verglichen mit Apollon, in dem Aschenbach  eine Rechtfertigung sucht für die Gefühle, die er Tadzio gegenüber hat.

Geht es auch um das Apollinische und das Dionysische?

Ja, durchaus! Es gibt eine Szene, der Traum von Aschenbach, wo das zum Thema wird und das gegeneinander ausgespielt wird. Wo es konkret um diese zwei Welten und Götter geht. Das ist mit ein Grund, warum ich mich für einen Tänzer als Apollo entschieden habe. Es geht ja auch um eine gewisse Form und Haltung und Ordnung, die vielleicht über einen Tänzer viel klarer zu erzählen ist mit einer absolut idealisierten Körperlichkeit.

Und die Oper entwickelt sich hin zum Dionysischen?

Sie ist sogar so komponiert. Bei den szenischen Proben haben wir gemerkt, dass die Struktur, die im ersten Akt noch deutlich ist, sich im zweiten Akt auflöst. Das Libretto löst sich auch auf und zerfällt. Irgendwann bleibt nur noch die Musik übrig.

Wie geht es danach bei Ihnen
weiter?

Diese Spielzeit habe ich exklusiv für Stuttgart und „Tod in Venedig“ frei gehalten. In den nächsten Jahren werde ich wieder mehr woanders arbeiten.

Viele Choreografen haben von  Stuttgart aus irgendwann ihre eigene Truppe übernommen. Sie hat man vermutlich auch schon gefragt?

Ja, ich habe in den letzten Jahren einige Angebote erhalten, Compagnien zu übernehmen. Es war einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt. Aber man entwickelt sich. Ich habe jetzt viele Stücke gemacht an vielen Orten der Welt. Man lernt dazu, sieht andere Modelle, wie Compagnien geleitet werden. Und kommt auf eigene Gedanken, wie man das selber gerne gestalten würde. Ich denke, dass die Zeit langsam reif wird, dass ich meine eigene Gruppe habe und auch leite. Dass Reid Anderson mich so ermutigt und gefördert hat, dafür bin ich dankbar. Ich hatte mein erstes Stück 2006 aus Frust und als Zeitvertreib gemacht. Doch Reid Anderson hat was in meiner Arbeit gesehen, bevor ich überhaupt wusste, dass da etwas drin war.

Sie haben mit 26, 27 Jahren aufgehört zu tanzen. Fehlt Ihnen was?

Das öffentliche Tanzen – überhaupt nicht. Das hat mir schon als Tänzer nicht gefehlt (lacht). Aber den Tanz habe ich immer geliebt. Und ich liebe ihn immer noch.

Der Choreograf Demis Volpi, geboren in Buenos Aires, wurde als Tänzer an der John-Cranko-Schule ausgebildet und tanzte jahrelang am Stuttgarter Ballett. Parallel dazu begann er zu choreografieren. Neben „Krabat“ und „Salome“, beides für Stuttgart, gehört der „Nussknacker“ für das Königliche Ballett Flandern zu seinen größeren Arbeiten. 2014 erhielt er den Deutschen Tanzpreis „Zukunft“. Im selben Jahr inszenierte er in Heidelberg die Jommelli-Oper „Fetonte“. wit

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