Das Wunder des Erzählens

So melodiös er schreibt, so spricht Christoph Ransmayr auch. Am Donnerstag las der österreichische Autor im Stuttgarter Literaturhaus aus seinem neuen Buch "Atlas eines ängstlichen Mannes".

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Der Schriftsteller Christoph Ransmayr war viel auf Reisen. Foto: Jörg Steinmetz

Er beginnt mit einer gereckten Faust. Die Faust gehört einer Frau namens Tiziana. Sie ist eine vorsichtige, mädchenhafte Person, doch als die Jagdflieger des bolivianischen Diktators über sie hinwegdonnern, da streckt die italienische Ärztin auf einmal ihre Faust gen Himmel: "No pasarán" - "sie werden nicht durchkommen." Der alte Schlachtruf der Freiheit.

Christoph Ransmayr liest die Passage am Donnerstag im Stuttgarter Literaturhaus mit derselben lebhaften Überraschung, als stünde er wieder neben Tiziana im bolivianischen Hochland. Erschrocken und erfreut über diesen unverhofften, in seiner Sinnlosigkeit erhabenen Moment der Auflehnung. Und im warmen, melodiösen, leicht auf- und sanft wieder abschwingenden Lesefluss des Autors aus Österreich ereignet sich das Wunder des Erzählens.

Denn Ransmayr glaubt daran, ganz altmodisch: "Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt", damit beginnt sein neues Buch. Der "Atlas eines ängstlichen Mannes" schickt den Leser in siebzig Episoden an die entlegensten - oder nächstgelegenen - Orte der Welt. So sprunghaft, wie unsere Augen auf einem Globus umherirren, kommen wir von der Chinesischen Mauer in ein brasilianisches Bergdorf, blättern zur Isla Robinsón Crusoe oder finden uns am Reichstag in Berlin ein, vor dem ein barfüßiger Mann in der Kälte steht.

Fast an allen diesen Orten war der weitgereiste Autor, und alle werden sie nur zur Geschichte, weil er sie sich anverwandelt hat, sie durch seine Augen gesehen hat - "ängstlich" im Sinne der Vorsicht, einer produktiven Unsicherheit. "Ich sah", so beginnt jeder der kurzen Texte, die man in ihrer Dichte kaum am Stück lesen kann. Ein pathetischer, archaischer Gestus - wir werden auch das "Grab" des Homer besuchen -, aber er passt zu der stolzen Anmaßung, diese Welt mit Bedeutung zu füllen. So wie die Griechen in den Sternen das goldschimmernde Haar der Berenike erkannten, von Aphrodite an den Himmel gehängt. So wie die Rapa Nui auf den Osterinseln ihren Ahnenkult pflegten und an den immer höher werdenden Symbolen zugrunde gingen, "versklavt von ihren eigenen steinernen Geschöpfen".

Doch nichts folgt "bloß einer einzigen, für immer festgelegten Richtung". Und so kann sich, zum Beispiel in San Diego, auch das ganz Andere ereignen, kann ein Komet vorüberziehen, und trotzdem wenden die Menschen ihre Blicke vom Himmel, wenn ein gestürzter Kellner ihrer Hilfe bedarf. Für Ransmayr, das mag man ihm ankreiden, ist der mitleidige Ruf eines Einzelnen in der Stierkampfarena wohl lauter als das Gebrüll der Masse. Der Pflicht des Augenzeugen kommt er dennoch nach, unauffällig strukturiert wie ein guter Reporter. Er lässt den Bootsmann im Mekong von der Verseuchung durch die "Drachensaat" amerikanischer Minen, vom Bombenhagel des Vietnamkriegs erzählen und hat zugleich einen Blick für das kleine Mädchen in einem österreichischen Marktflecken, dem sein größter Traum verdorben wird, die weißen Lackschuhe.

Wo Ransmayr dem Flug des Albatros folgt, neigt sich die Schönheit ins Ästhetizistische. Aber die Haltung bleibt einnehmend: eine Feier des Erzählens als elementare menschliche Praxis. So wie sie der Kalligraf vollzieht, der seine Schriftzeichen mit Wasser auf Steine malt. Oder der tibetanische Schreiber, der "seit Jahrhunderten", wie es heißt, Zeichen in den Stein schlägt: "Als hätte er mich erwartet, sah er mich lange und wachsam an, ohne ein Wort, ohne zu lächeln, wandte sich dann wieder dem Stein zu und schrieb weiter."

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