Das Ulmer Museum präsentiert Teile des Wengen-Altars

Nach zwei Jahren Arbeit präsentiert das Ulmer Museum seine Schau "Jerusalem in Ulm": Diese schöne Ausstellung führt erstmals die erhaltenen Teile des zerstörten spätgotischen Wengen-Altars zusammen.

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  • Die leeren Flächen lassen Raum für Fantasie: Eine Rekonstruktion des Wengen-Altars, hier bei geschlossenen Innen- und geöffneten Außenflügeln. Fotos: Ulmer Museum/Institut für Konservierungswissenschaften der AKA Stuttgart 1/2
    Die leeren Flächen lassen Raum für Fantasie: Eine Rekonstruktion des Wengen-Altars, hier bei geschlossenen Innen- und geöffneten Außenflügeln. Fotos: Ulmer Museum/Institut für Konservierungswissenschaften der AKA Stuttgart
  • Das Jerusalem aus der "Christus am Ölberg"-Szene - mit dem Ulmer Münster. 2/2
    Das Jerusalem aus der "Christus am Ölberg"-Szene - mit dem Ulmer Münster.
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Damals musste man nach oben blicken, um die ganze Pracht zu schauen: die Jungfrau Maria, den heiligen Jakob mit den Muscheln am Hut und natürlich Jesus, als kleines Baby und als erwachsenen Verkündiger im Gebet, das Ulmer Münster hinter sich.

"Jerusalem in Ulm" heißt die Sonderausstellung im Ulmer Museum, die dem spätmittelalterlichen Flügelalter aus der Stiftskirche St. Michael zu den Wengen gewidmet ist. Woher der rätselhafte Name der Schau rührt, das kann der Betrachter schon vor dem Eintritt herausfinden. Am Eingang empfängt - etwa auf Höhe eines Hochaltars angebracht - eine fast lebensgroße Rekonstruktion des Wengen-Altars mit seinen Doppelflügeln; im geschlossenen Zustand zeigt er Christus am Ölberg und Jerusalem als Ulm. Der spektakuläre Münsterturm musste noch Jahrhunderte auf seine Vollendung warten, doch an Selbstbewusstsein mangelte es um 1500 wahrhaftig nicht. Die Spätgotik erlebte in der reichen Bürgerstadt an der Donau ihre Blüte, kurz bevor die Reformation dem ein Ende machte, die Aufträge ausblieben, die Künstler ziehen mussten.

Eine Geschichte von Aufstieg und Fall, die sich am Wengen-Altar, einem der größten Flügelaltäre Ulms, musterhaft erzählen lässt: Um 1500 von den Werkstätten Bartholomäus Zeitbloms und Jörg Stockers geschaffen, wisse man erst seit 1803 - dem Jahr der Zerstörung - etwas über das Schicksal des Werks von 5,80 Meter Breite und 2,60 Meter Höhe, sagt Kuratorin Eva Leistenschneider.

Altaraufsatz von Platz entfernt

Entweder im Zuge der Reformation oder während der Barockisierung der Kirche wurde der Altaraufsatz wohl von seinem Platz entfernt. In der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Wengenkloster aufgelöst, "der Altar wurde in seine Einzelteile zerlegt und verkauft", erklärt Leistenschneider. 16 Tafeln sind heute erhalten und über Ulm, Stuttgart, Lübeck, Karlsruhe und Dublin verstreut. Dass alle erhaltenen Stücke erstmals am Ort ihrer Entstehung wieder zusammenfinden können, ist Ergebnis eines zweijährigen Forschungsprojekts am Museum, das den Kunsthistorikern mithilfe von Infrarot- und Röntgenuntersuchungen der Kunstakademie Stuttgart einige Erkenntnisse gebracht hat.

Rätsel bleiben, in Gestalt jener grauen Flächen, die umso größer werden, je weiter man den Altar aufklappt. Durch das Zersägen wurden einige große Bildflächen natürlich zerstört. Ein einziger blinder Fleck aber ist das innerste Herz des Altars, der Schrein in der "zweiten Wandlung", sichtbar einst nur an den höchsten kirchlichen Feiertagen. Links und rechts sind je drei, teils heute noch erhaltene Heilige postiert, in der Mitte aber herrscht das große Grau: "Wir gehen davon aus, dass darin ursprünglich Skulpturen standen", sagt Leistenschneider, vermutlich war im Zentrum eine Maria mit Kind.

Die Rekonstruktion ist ein Blickfang, doch intensiven Zugang gewährt erst die Ausstellung, die die spätgotischen Tafeln neuzeitlichdemokratisch auf Augenhöhe präsentiert. "Auffällig ist die große Freude an Bilddetails mit symbolischer Bedeutung", erklärt Eva Leistenschneider. Zarte Gräser wachsen zu Jesu Füßen, eine Schwertlilie weist auf die Passionsgeschichte voraus. Manches der zersägten Fragmente wirkt für moderne Augen fast wie ein zeitgenössisches Werk.

Beteiligte Meister und Künstler

Ein zweiter Teil der Schau präsentiert die beteiligten Meister als die Künstler, die sie waren: Stockers Marienkrönung von 1520, die Renaissance-Elemente aufweist, Zeitbloms schöner Bingener Altar, geschaffen in der künstlerischen Hochphase des Mannes. "Der Wengen-Altar dagegen zeigt einen hohen Anteil an Werkstattarbeit", der Chef konzentrierte sich wohl auf die wichtigsten Szenen.

Dass zwei große Meister zusammenarbeiteten, war nicht unbedingt üblich und spricht für Zeitdruck bei guter Auftragslage. Um den Entstehungsprozess zu veranschaulichen, ist eine Art Werkstattraum eingerichtet. Dort kann man die Vorzeichnungen betrachten, die die Infrarot-Untersuchungen zutage gefördert haben. Die Restauratorinnen des Museums haben herausgefunden, dass für Gesichter Schablonen verwendet wurden, weshalb sich manche so auffallend ähneln. Brokatmuster und Farbpigmente klären über Materialien auf. Und doch, das ist die Größe dieser Schau, lässt sie dem Altar sein Geheimnis - ein großes Grau, das jetzt in allen Farben schillert.
 

Ausstellung zur Spätgotik

Schau in Ulm Die Ausstellung "Jerusalem in Ulm. Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen" eröffnet am Sonntag, 8. März, um 14 Uhr im Lichthof des Ulmer Museums. Danach ist die Schau bis zum 12. Juli dort zu sehen. Die Tafeln kommen aus dem Besitz der Evangelischen Münstergemeinde Ulm, des Ulmer Museums, der Staatsgalerie Stuttgart, der Karlsruher Kunsthalle, des Lübecker St. Annen-Museums und der National Gallery of Ireland in Dublin.

Öffnungszeiten Di-So und Feiertage 11 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen. Mehr Informationen zum Begleitprogramm gibt es im Internet unter www.museum.ulm.de

SWP

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