Das neue alte Kulturkonzept: Sehnsucht nach Weitblick

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Schade eigentlich, dass Karla Nieraad die Schriftzüge „Sehnsucht“ und „Weitblick“, die im Jahr des Münsterturmjubiläums auf dem Stadthaus leuchteten, so schnell verkauft hat. Denn diese Botschaften sind offenbar wieder gefragt. Wie sieht die Kulturpolitik von morgen aus? Zahlreiche Ziele und Maßnahmen haben Patrick S. Föhl mit seinem Netzwerk Kulturberatung sowie die Agentur Kulturgold im Auftrag der Stadt Ulm in einem langen Prozess zusammengetragen und formuliert. Und siehe da: Die Kulturschaffenden und die an der „Kulturentwicklungsplanung Ulm“ beteiligten Akteure erinnerten sich ausgerechnet an den Slogan „Aus Sehnsucht wird Weitblick“ des so vielfach und laut kritisierten Marketing-Programms von 2015.

Das Begriffspaar stehe stellvertretend „für Eigenschaften, die in Vergangenheit und Gegenwart prägend für Ulm und seine Bürger waren und es nach wie vor sind, darunter zum Beispiel Ehrgeiz, Engagement, Fleiß, Ideenreichtum, Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit“, schreibt Föhl. Und nennt zudem die Schlagwörter „Mut“ und Vision“, derer es bedürfe, um die Kulturentwicklungsplanung durchzusetzen. Das Fazit: „Ulm ist eine, vor allem gemessen an der Größe, an Kultur außerordentlich reiche Stadt, die historisch gewachsen ist.“ Kennzeichnend für die Situation sei gleichwohl: „Vieles ist vorhanden, aber nicht hinreichend sichtbar beziehungsweise von Parallelstrukturen geprägt.“

Was aber muss jetzt passieren? Etwa die Kultur „von ihren angestammten Plätzen aus mobil machen, stärker in den öffentlichen Raum und auch an andere Kultur­orte tragen“. Und auch auf das kreative Potenzial der Kulturschaffenden vertrauen und ihnen Freiräume und Experimentierflächen anbieten.

Ein 80-Seiten-Heft legte Föhl, der schon 20 Kommunen beraten hat, gestern dem Kulturausschuss vor. Er lobte die „exzeptioniell gut“ arbeitende städtische Kulturabteilung, stellte aber klar, dass die Ergebnisse der Kultur­entwicklungsplanung jetzt nur der Katalysator sein können für eigene Ideen in der Stadt. Auch Kulturbürgermeisterin Iris Mann betonte: „Damit ist noch lange nichts erledigt.“ Aber jetzt geht’s los, einstimmig beschlossen die Räte, ein „Starter-Kit“ aktiv anzugehen. Ein paar Beispiele:

die Rolle der Kulturabteilung festlegen

die konkreten Aufgaben des Arbeitskreises Kultur (AKK) beschreiben

eine Arbeitsgruppe einrichten, die über eine „zeitgemäße Kulturförderung“ berät

einen „Zwischenraummanager“ ermächtigen, der zwischen den Kulturmachern und Einrichtungen vermittelt, sie vernetzt

Kulturlotsen/„Local Heroes“ einsetzen in Zusammenarbeit mit der „Mitgehbörse“ und der „Kulturloge“

die Botschaft „Sehnsucht und Weitblick“ mit konkreten Angeboten verknüpfen

den „Kulturpunkt Ulm“ weiterentwickeln, den Veranstaltungskalender verbessern

das gegenseitige Plakatieren in Ulm und Neu-Ulm vereinfachen

Die Reaktionen der Stadträte fielen unterschiedlich aus. „Ich könnte ewig weiterloben“, sagte Dagmar Engels (SPD), mit am schönsten sei gewesen, mit welcher Begeisterung die Ulmer Kulturszene mitgemacht habe. Letzteres wertete auch Lena Schwelling (Grüne) positiv, meinte aber, dass das vorgelegte Papier „überhaupt nichts Neues“ biete: „Für das Geld ist das ein bisschen wenig.“ Thomas Kienle (CDU) ärgerte sich, dass der Slogan „Sehnsucht und Weitblick“ auftauche: „Alles vorbei!“ Er vermisste ein konkretes Ziel und griff einmal mehr die Kulturhauptstadt-Frage auf mit dem Thema „Kulturstraße Donau“.

Stellungnahme Der Sprecherrat des Arbeitskreises Kultur (AKK) hat sich lobend über die Kulturentwicklungsplanung geäußert: „Viele Wünsche und Forderungen der Kulturträger und Kulturschaffenden fanden erfreulicherweise Gehör.“ Er begrüßt eine Neuausrichtung des Gremiums hin „zu einem Instrument mit mehr kulturpolitischem Einfluss“. Die Sprecher (Johanna Homburger, Jan Ilg, Tobias Schmid und Nicole Pflüger) finden es denkbar, ein beratendes AKK-Mitglied in den Kulturausschuss zu entsenden, um die Kommunikation zwischen Politik, Verwaltung und Kultur zu verbessern.

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