Das Monster sind wir

Wenn Monster über die Kinoleinwand stampfen, geht es letztlich um Ängste, Schuld und Verdrängung der Menschen. Nun tritt die größte aller fantastischen Projektionsflächen wieder in Erscheinung: Godzilla.

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  • Egal, ob albern oder gruselig - Filmmonster verkörpern die Abgründe und Ängste, das Unterbewusste und das Verdängte der Menschen. Sei es Frankensteins Monster (großes Bild), sei es King Kong (rechts oben), sei es Godzilla (hier aus "Godzilla 2000 - Millennium", rechts Mitte), sei es ein größenwahnsinniger Wissenschaftler, der sich in ein Insekt ("Die Fliege") verwandelt. Alle diese Filme sind als DVD oder BluRay erhältlich. Fotos: Splendid, Cinetext/Sammlung Richter, Universal Pictures, Fox, Warner 1/2
    Egal, ob albern oder gruselig - Filmmonster verkörpern die Abgründe und Ängste, das Unterbewusste und das Verdängte der Menschen. Sei es Frankensteins Monster (großes Bild), sei es King Kong (rechts oben), sei es Godzilla (hier aus "Godzilla 2000 - Millennium", rechts Mitte), sei es ein größenwahnsinniger Wissenschaftler, der sich in ein Insekt ("Die Fliege") verwandelt. Alle diese Filme sind als DVD oder BluRay erhältlich. Fotos: Splendid, Cinetext/Sammlung Richter, Universal Pictures, Fox, Warner
  • Viel war vom neuen Godzilla vorab noch nicht zu sehen, aber japanische Fans spotten schon übers Erscheinungsbild. 2/2
    Viel war vom neuen Godzilla vorab noch nicht zu sehen, aber japanische Fans spotten schon übers Erscheinungsbild.
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Am 6. August 1945 warfen die Amerikaner eine Atombombe auf Hiroshima, am 9. August 1945 machten sie auch noch Nagasaki dem Erdboden gleich. Am 3. November 1954 entstieg Godzilla auf der Kinoleinwand dem Meer und legte Tokio in Schutt und Asche. Nun läuft kommenden Donnerstag ein neuer Godzilla-Film an - er spielt größtenteils in den USA, denn es ist eine Hollywood-Produktion.

Nur neun Jahre lagen zwischen dem nuklearen Kriegstrauma der Japaner und dem ersten japanischen Film um das todbringende Monster. Nie zuvor hatten existenzielle Ängste der Menschen so schnell fantastische Gestalt angenommen.

Der Bezug war auch damals schon offensichtlich: Denn Godzilla wird durch Atomexplosionen geweckt und hat radioaktiven Atem. Die Berichte der Reporter lassen einen frösteln, wenn man nach Godzillas Attacke die Ruinen eines apokalyptisch brennenden Tokios sieht: "Tausende starben in dieser Nacht. Tausende werden noch an ihren Verletzungen sterben. Die Stadt war ein einziges Trümmerfeld." Wie Hiroshima, wie Nagasaki.

Nicht immer bezieht sich das fantastische Kino so linear und unmittelbar auf reale Katastrophen. Dennoch sind Monsterfilme fast immer Ausdruck der Krisen, der Furcht, der Fragilität ihrer Zeit. In ihren manifestiert sich bildgewaltig der mehr oder wenige latente Schrecken - um ihn am Schluss zu bannen. Oder auch nicht.

Der Begriff des Fantastischen führt dabei in die Irre. In Horrorfilmen bricht nicht einfach das Fantastische, das Irreale, der Albtraum in die Wirklichkeit und ins wahre Leben ein. Vielmehr nimmt - von "King Kong" bis "Dracula", von "Frankenstein" bis "Zombie" - Verdrängtes und Unterdrücktes, Angst und Schuld in Biestern und Bestien Gestalt an. Die Schattenwelt drängt ins Licht - ins Licht der Leinwand. Goya hatte dies schon Ende des 18. Jahrhunderts äußerst beunruhigend gezeichnet: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer".

Dabei hat das schaurige-erschreckende Geschehen in aller Kunst meist einen moralischen Kern. "Das Monster aus Literatur und Film ist das Symbol der Bestrafung", weiß Filmwissenschaftler Georg Seeßlen. Ob Golem oder Werwolf, ob Mumien oder Mutanten, ob fliegende Drachen oder reitende Leichen - fast immer ist der Mensch der wahre Unhold der Geschichte. Er hat Godzilla geweckt, er hat King Kong von seiner Insel verschleppt. Er hat gegen die Regeln, die Ordnung, die Schöpfung verstoßen. Bereits in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" (1818), dieser Geburtsstunde der neuzeitlichen MonsterMythologie, wird das Geschöpf erst durch den Menschen zum bösen Tun getrieben - und wird so zur Strafe für den sich gottgleich wähnenden Wissenschaftler.

Der moderne Mensch zieht nun ins Kino aus, um das Fürchten zu lernen. Dabei ist es weniger seine Ahnungslosigkeit, die Monster gebiert, sondern sein voreiliger, falscher, auch arroganter Umgang mit Wissen - in "Godzilla" ist es der Umgang mit der Atomenergie. Bezeichnend, dass das Urvieh im ersten Film von 1954 schließlich durch eine Wunderwaffe - also durch eine noch größere Monstrosität - zerstört wird, deren Erfinder sich umbringt, damit sie nicht in falsche Hände gerät.

Godzilla wandelte sich von den späten 50er Jahren an in Dutzenden kunterbunten, oft albern-kindlichen Fantasy-Fortsetzungen zu einem Freund, ja Beschützer der Menschen. Die Angst vor der Bombe wurde in ritueller Wiederholung gebannt: Godzilla als Symbol für das Domestizieren der atomaren Energie. Der Super-Gau von Fukushima lässt diese Erzählperspektive wohl an ein Ende kommen.

Roland Emmerich ließ in seinem "Godzilla"-Remake von 1998 das Monster als Mutation in Folge der französischen Atombombentests im Pazifik auftauchen. Wie Regisseur Gareth Edwards jetzt in dem neuen Film die Existenz der Riesenechse erklären mag? Fest steht: Die Menschheit wird nie aufhören, Monstren zu erschaffen.

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