Das Geschichtsbild des US-Heldenkinos: "American Sniper" und "Selma"

Das Heldenkino aus Hollywood sorgt in diesen Tagen in Deutschland für volle Kinosäle - natürlich ist nicht "Selma" gemeint, das großartige Historiendrama von Ava DuVernay über den schwarzen Friedensnobelpreisträger Martin Luther King, sondern Clint Eastwoods patriotischer Kriegsfilm "American Sniper".

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Wer beide Filme vergleicht, erhält mit emotionaler Wucht das Bild von einer US-Gesellschaft, wie es zerrissener nicht ausfallen könnte. Reden wir vom selben Land?

Selma, das ist jene Kleinstadt in Alabama, die 1965 zum Schauplatz einer folgenreichen Aktion der Bürgerrechtsbewegung wurde. Zwar hatte Präsident Lyndon B. Johnson im Jahr zuvor mit der Civil Rights Act endlich die Rassentrennung aufgehoben, aber im Alltag wurde die schwarze Bevölkerung in den Südstaaten weiterhin diskriminiert: auch bei der Aufnahme in die Wählerlisten. Sie blieben Bürger zweiter Klasse, de facto ohne Stimmrecht.

Martin Luther King, der charismatische, nie selbstzufriedene Führer der Schwarzen, ruft zum Protestmarsch von Selma nach Montgomery auf. Der erste Marsch am 7. März 1965 geht als "bloody sunday" in die Geschichte ein, die weißen Polizeikräfte knüppeln die friedlichen Demonstranten brutal nieder. Mord und Totschlag in der Provinz einer Großmacht, die weltweit antritt, um die Demokratie zu verteidigen - damals in Vietnam, wo viele schwarze Soldaten fürs Vaterland starben. Ava DuVernay zeigt die Eskalation der Gewalt in anklagenden Bildern, geschnitten mit dokumentarischem Filmmaterial - den Marsch nach Montgomery übertrug damals das Fernsehen live. Das schockierte, mobilisierte eine Nation. Auch "Selma" rüttelt auf, mahnt in die Gegenwart hinein.

Nur 50 Jahre ist das her, der deutsche Kinozuschauer, der die historische Dimension realisiert, erschauert. Dass heute mit Barack Obama ein schwarzer Präsident im Weißen Haus regiert, grenzt an ein Wunder, wäre ohne den 1968 ermordeten Martin Luther King nicht möglich - die rassistischen Feindseligkeiten aber sind in der US-Gesellschaft geblieben, siehe Ferguson. Für den Oscar als bester Hauptdarsteller war der beeindruckende David Owoleyo als Martin Luther King nicht nominiert. Die Akademie, in der rund 80 Prozent ältere weiße Männer das Sagen haben, nominierte aber Bradley Cooper, der in "American Sniper" den Scharfschützen Chris Kyle spielt, der im Irak-Krieg rund 160 Menschen tötete. Ist dieser Soldat ein Held? Eastwoods Kassenschlager spaltet die USA. Die meisten Fans jedenfalls hat der Streifen im Süden, wo er den Weißen das republikanische Weltbild festigt und jeden Waffengebrauch ideologisch rechtfertigt.

Ein strenger Vater nahm den kleinen Chris schon mit auf die Jagd, klärte ihn über Gut und Böse auf, erzog ihn zum Patrioten. Als später der orientierungslose Cowboy im Fernsehen - wieder die Macht der Medien! - den Anschlag aufs World Trade Center sieht, meldet er sich zur Armee. Er weiß sofort, wo er hingehört, wen er beschützen muss und wo der Feind steht.

Eastwood erzählt Kyles Motivation in einer Rückblende: Der Scharfschütze liegt auf dem Dach eines Hauses und gibt im Straßenkampf gegen Al-Kaida einer US-Einheit Feuerschutz. Er sieht durchs Zielfernrohr, dass eine Mutter ihrem Sohn eine Granate in die Hand drückt. Das Kind geht dem Panzerwagen entgegen. Kyle muss entscheiden . . . Cut, jetzt rekapituliert der Soldat sein bisheriges Leben. Und die Filmregie entscheidet für den Zuschauer gleich mit, was richtig ist. Schnitt. Kyle schießt, tötet den Jungen. Notwehr. Der Sniper hat seine Kameraden gerettet. Natürlich, so ist der Krieg.

Nur dass Eastwood dem Zuschauer jeden möglichen moralischen Skrupel nimmt und die Iraker in diesem weißen Film fallen wie früher die Hollywood-Indianer.

Von Einsatz zu Einsatz stumpft Kyle ab, er kann bald zwischen Krieg und Alltagsrealität nicht mehr unterscheiden, seine Familie droht in der Heimat zu zerbrechen. Das wäre ein großer Antikriegsfilm-Stoff: darüber, was ein Krieg, ob gerecht oder nicht, mit Menschen macht. Der wahre Chris Kyle avancierte nach seinem Abschied von der Armee zum "American Liar", weil er im Größenwahn behauptete, nach dem Sturm "Katrina" in New Orleans gewesen zu sein und 30 Plünderer erschossen zu haben. Kyle selbst wurde Opfer eines unter Posttraumatischer Belastungsstörung leidenden Kriegsveteranen.

Eastwood aber ist weit davon entfernt, seinen Helden zu dekonstruieren. "American Sniper" lässt Kyle rasch genesen und schiebt den Tod des wieder glücklichen Familienvaters als Schicksalsschlag hinterher. Solche Dramaturgie ist propagandistisch. Was von Filmen bleibt, sind Botschaften. "American Sniper" endet mit einem Heldenbegräbnis, das auch das männliche deutsche Actionfilm-Publikum befriedigt - "Selma" mit einer versöhnenden Friedensrede Martin Luther Kings.

Kritik und Kasse

Einnahmen Der Film "American Sniper" hat in den USA mittlerweile unfassbare 331 Millionen Dollar eingespielt, mehr als jede andere 2014er-Produktion. So viel nehmen sonst bestenfalls die größten Sommer-Blockbuster ein. "Selma" hat 50 Millionen Dollar eingespielt. In Deutschland hat "American Sniper" jetzt am Wochenende mit 365.000 Zuschauern den besten Start eines Eastwood-Films seit 20 Jahren hingelegt. "Selma", vorletzte Woche in Deutschland gestartet, sahen hier bislang 50.000 Menschen.

Auszeichnung Beide Streifen waren für den Oscar als "Bester Film" nominiert, beide haben je einen Oscar gewonnen ("American Sniper" für den besten Tonschnitt, "Selma" für den besten Song: "Glory"). "Selma" ist der von den US-Kritikern am besten besprochene Film des Jahres 2014: Von 199 Kritiken sind 196 positiv, das ist sensationell. Aber auch "American Sniper" wurde in den USA positiv aufgenommen: 33 der 40 wichtigsten Kritiken haben den Film gelobt. In amerikanischen Publikumsbewertungen liegen beide Filme gleichauf.

 

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