Club des lebendigen Denkens

Den ganzen Kunstbau hat sie verwandelt in ihr "Electric Ladyland": Das Münchner Lenbachhaus widmet der Künstlerin und Musikerin Michaela Melián derzeit eine große Einzelausstellung.

|
Michaela Melián verwandelt den Kunstbau.  Foto: 

Wer will, kann sich hineinsetzen in den Klang, in die schwebenden Sessel, die eigentlich Lautsprecher sind - für die Musik, die im Werk von Michaela Melián weit mehr als nur ein Soundtrack ist. Nicht umsonst heißt ihre erste museale Einzelausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses "Electric Ladyland" nach einem Album von Jimi Hendrix. Nicht zufällig verströmt die kühle Betonhalle über der U-Bahn Club-Atmosphäre mit glänzenden Hockern, glimmenden Glühbirnen und einem Diwan in der Mitte.

"Man geht eigentlich durch die Musik", sagt Melián selbst. In diesem Fall ist es ein extrem verlangsamtes Walzermotiv, das sie Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" entnommen und auf 16 Tonspuren verteilt hat, die sich im Raum unterschiedlich mischen; die Klanginstallation basiert auf der Arie der Olympia, der mechanischen Puppe aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann". Wenn man es weiß, hört man das "Ach" der vom Mann geschaffenen Frau, die schließlich zerstört wird - es ist Meliáns eigene Stimme.

In der Figur der fiktiven elektrischen Lady verschränkt sich der Diskurs über weibliche Rollenbilder mit der modernen Faszination für Elektrisierung und Automatisierung, mit der Geschichte der Homunculus-Versuche bis hin zur Gentechnologie. Vorbild für unzählige Roboter und Androide in Film und Literatur sei Olympia, sagt Melián. Deshalb finden sich neben Labor- und Prothesenelementen auch Motive aus "Metropolis" oder "Frankenstein" in der umlaufenden 140-Meter-Zeichnung an den Wänden des Kunstbaus. Melián, 1956 geboren, sucht nicht nur Spuren, sie legt sie zugleich neu aus, verbindet sie zu einem komplexen Netz aus Hoch- und Popkultur, aus Bildern, Klängen und historischem Material. Ein Denkprozess mit Fühlern nach allen Seiten - viel zu neugierig und gescheit für kulturpessimistische Kurzschlüsse, sehr sophisticated, aber in seiner Ästhetik zugänglich. Auch medial: "Electric Ladyland" gibt es als Hörspiel im Radio.

Mit optischem Zauber arbeitet "Lunapark". In einem runden weißen Raum ist ein Tisch aufgebaut, darauf eine Mischung durchsichtiger Gegenstände. Glaskaraffen, Plastikbecher, Aschenbecher werden von einem Diaprojektor angestrahlt, der ihre Schatten auf die Außenhaut wirft. Wie Utopien moderner Architektur.

Stunden könnte man, sollte man sich im "Electric Ladyland" aufhalten, geht es nach der Künstlerin, Komponistin, Produzentin, Professorin und Frontfrau der Band F. S.K. Doch dahinter verstecken sich noch zwei andere wichtige Werke: die Installation "Föhrenwald", Meliáns Spurensuche in einer nationalsozialistischen Mustersiedlung, in der nach dem Krieg jüdische Überlebende und dann Heimatvertriebene untergebracht waren. Und "Speicher", eine audiovisuelle Hommage an eines der ersten multimedialen Kunstwerke Deutschlands, das 1965 an der einstigen Hochschule für Gestaltung in Ulm entstand und verschollen ist. An der HfG gab es ein Studio für elektronische Musik, jetzt ist es im Deutschen Museum ausgestellt und wurde hierfür wieder zum Klingen gebracht. Wir sehen und hören eine Fahrt durch Schneegestöber, eine romantische Reise, eine Verkehrsinformation, eine Liebeserklärung an die Medienkunst und an die Literatur. Und verlassen den Kunstbau mit dem Gefühl, freundlich aufgefordert worden zu sein, mit dem Denken mal anzufangen.

Auch als Hörspiel

Die Ausstellung "Electric Ladyland" von Michaela Melián läuft im Kunstbau des Lenbachhauses München noch bis 12. Juni. Öffnungszeiten sind von Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-18 Uhr.

Funk Der Bayerische Rundfunk sendet auf Bayern 2 Hörspielfassungen von "Speicher" am Freitag, 8. April, 21.05 Uhr, "Memory Loops" am Samstag, 7. Mai, 15.05 Uhr und "Föhrenwald" am Freitag, 10. Juni, 21.05 Uhr. Auf www.br.de gibt es auch "Electric Ladyland" zum Nachhören. Eine umfassende Sendung zu Michaela Meliáns Werk präsentiert Deutschlandfunk am Freitag, 8. April, 20.10 Uhr.

 

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Laster reißt Ampeln am Bahnhof um - Straßenbahn steht still

Ein Lkw hat in der Friedrich-Ebert-Straße eine Ampel umgerissen. Die Straße war auf Höhe des Bahnhofs gesperrt. Straßenbahn und Busse hatten massive Verspätung. weiter lesen