Casper live in Stuttgart: Ein Zampano der Zerbrechlichkeit

|
Sollte dem Ex-Screamer mal die Stimme versagen – kein Problem: Hüpfmeister Casper kann sich auf seine textsicheren Fans verlassen. Und zieht vor ihnen in Stuttgart auch gern mal die Kappe.  Foto: 

Lang lebe der Tod“ – was für ein Tour-Titel. Und das im November. Allerdings fiel der Stacheldraht-Vorhang für die Liveshows vor deutlich mehr als einem Jahr. Danach zog sich Casper, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heißt, sozusagen ins eigene emotionale Hinterland zurück. Der sensible Geist zwischen HipHop, Pop und Rock hatte sich dem gewaltigen Erfolgsdruck von Außen und den eigenen wachsenden Ansprüchen beugen müssen. Das Album kam mit einem Jahr Verspätung. Nun also alle Ventile wieder auf, raus zu den Leuten, ran an die Fans mit neuen Stücken und solchen, die schon so etwas wie Festival-Klassiker sind.

Wer nun dachte, gemessen am Titel des dritten und jüngsten Albums sollte das Konzert am Samstag in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle ein Kreuzzug ins ewige Dunkel werden, der wurde von der Balance aus tiefstem Existenzialismus und reinster Fröhlichkeit überrascht.

Ängste aufgebrochen

Getragen von vielen jungen Stimmen ging es mit „Alles ist erleuchtet“ mitten hinein in eine Casper-Welt, in der allgegenwärtige Zweifel und Großstadt-Ängste intensiv durchlebt, aber mit geradezu jubelnden Refrain-Linien wieder aufgebrochen werden. Ganz schön harte Kost für Kids, doch selbst die ganz Kleinen jubelten bei ihrem wahrscheinlich ersten Live-Erlebnis im Hallenformat diesem Zampano der Zerbrechlichkeit zu.

Und der 35-Jährige, der seit etlichen Jahren nicht nur in Sachen Textniveau über drei Alben hinweg zu den spannendsten deutschsprachigen Musikakteuren gehört, machte es seinen Fans dann doch nicht so schwer und bediente sich bei fast allen bewährten Mustern des Pop-Showbetriebs. Er sprang, und jeder sprang mit. Er hüpfte, er dankte ehrfürchtig für den Aufstieg aus der „Stuttgarter Röhre“ bis hin zur Schleyerhalle, er kniete („Geht in Deckung alle!“), dirigierte und rappte einige Minuten von tausenden Smartphones eingefangen auch in der Mitte der Halle beim Mischpult.

Casper wurde so live zur Lichtgestalt, zum Schattenwesen, schwebte auf einem Ponton über der Bühne und sang vor einer LED-Sonnenfinsternis.

Der Erkältung getrotzt

All das mit medikamentöser Unterstützung: „Ich bin heute Morgen aufgewacht und war sehr erkältet. Ich dachte immer nur, hoffentlich geht das heute gut.“ Aber natürlich ging das gut, sehr gut.

Und Casper wusste, auf seine textsicheren Fans ist Verlass: „Sollte die Stimme versagen, kann man sich auf euch verlassen.“ Ein allzu gewaltiger Unterschied im Kratz-Grad zur Normalstimme war gar nicht hörbar. Allein in den hochmelodiösen Nummern wie etwa dem grandiosen „Hinterland“ war das Defizit tatsächlich herauszuhören. Das  Publikum sang allerdings nicht nur in „Jambalaya“ so perfekt mit, dass der Hüpfmeister häufiger mal seine Kappe ziehen musste.

Das Konzert hatte gemessen an den Stärken der Alben durchaus auch seine Schwächen. Der Sound war bisweilen mehr laut und lausig als wirklich fein abgemischt. Die Arrangements waren live eher etwas eindimensional und besonders die sehr präsenten  und mit reichlich Hall versetzten Gitarrenlinien waren zu häufig am Start. Da tat so manches massive Metal-Brett richtig gut und ließ den Druck ansteigen, von dem es noch etwas mehr hätte geben können. Und doch scheint Casper schon jetzt gerüstet – für die nächsten existenzialistischen Pop-Großtaten und den kommenden Festival-Sommer.

Vita Casper, bürgerlich Benjamin Griffey, wurde im September 1982 als Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen im nordrhein-westfälischen Lemgo geboren, wuchs in den USA auf und lebt heute in Berlin. Seinen Spitznamen bekam er vom Vater, dem sein Sohn so blass wie der gleichnamige Film-Geist erschien. Nach dem Abitur studierte er in Bielefeld Medienpädagogik. Seine raue Gesangs- und Rapstimme verdankt Casper seiner Zeit als Frontmann von Punk- und Hardcore-Bands. Im Juli 2011 erschien sein erstes Erfolgsalbum „XOXO“, es folgten „Hinterland“ (2013) und „Lang lebe der Tod“ (2017). Erste Festivalauftritte 2018 stehen mit „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ bereits fest. Mehr Infos online unter www.casperxo.com udo

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Rätselhafter Fall in Warthausen: Eine Tote und zwei Verletzte

Bei einer noch nicht aufgeklärten Gewalttat in Warthausen (Landkreis Biberach) sind eine Frau getötet und zwei Männer verletzt worden. weiter lesen