Cameron Carpenter spielt auf einer Digitalorgel

Wenn Cameron Carpenter Orgel spielt, fliegen die Fetzen. Er will das Instrument vom angestaubten Image befreien - mit seinem mobilen Instrument.

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In Cameron Carpenters Digitalorgel sind die Klänge zahlreicher echter Orgeln gespeichert.  Foto: 

Bevor der erste Ton erklingt, muss sich Cameron Carpenter um Festplatten, Schalter und USB-Stecker kümmern. Der Amerikaner, mittlerweile ein Weltstar seines Fachs, ist dabei, die "Königin der Instrumente" in die Ära von Bits und Bytes zu holen. Der Organist mit dem Punk-Look sitzt an seiner mobilen Digitalorgel, mit der der 33-Jährige jetzt auf Tournee geht. In den kommenden Wochen ist er auch in Deutschland unterwegs.

"Ich hätte mir ein solches Instrument nie träumen lassen", sagt Carpenter bei einer Probe in Berlin. Vor der Bühne hat er das riesige Manual aufgebaut. Der Spieltisch mit Hunderten Knöpfen, Hebeln und Lichtern erinnert an das Cockpit eines Flugzeugs.

Carpenter, der oft auf Jahrhunderte alte Instrumente angewiesen ist, verschafft sich mit seinem Mobilinstrument mehr Unabhängigkeit. Er wird wohl nie mehr Tage vor einem Konzert anreisen müssen und sich in kalten Kirchen an verstimmten Orgeln abmühen. Das Gerät passt in sechs Kisten und ist in dreieinhalb Stunden spielbereit.

Wenn Carpenter mit seinen Fingern wie ein Derwisch über die Tastatur rast, an den Registern zieht und mit den Füßen zwischen den Pedalen hüpft, erschallt die Musik für einen Augenblick wie in einer Kathedrale. Mit dem Klang eines gängigen Elektroinstruments haben Wummern und Pfeifengesang aber nichts gemein.

Die "Internationale Tourneeorgel", wie Carpenter sie nennt, gibt die Töne realer Orgeln wieder. Zusammen mit dem US-Orgelbauer Marshall & Ogletree hat er Pfeifenklänge in ganz USA aufgenommen - von Kirchen in New York bis zu einer Wurlitzer-Kinoorgel in Washington. Er kann auf Tastendruck jede digital gespeicherte Pfeife ansteuern.

Carpenter ist in einer Mission unterwegs. "In Kirchen und Konzerthäusern verkommt die Orgel zu einem verstaubten Museumsrelikt. Wir müssen sie dort herausholen." Viele Orgeln seien unbrauchbar. Das Instrument müsse aus seinem Nischendasein befreit werden.

US-Medien sprechen bereits von ihm als "Retter der Orgel". Carpenter legt sich dabei mit den Traditionalisten an, auch wenn er selber an einer Kirchenorgel in seinem Heimat-Bundesstaat Pennsylvania gelernt hat. Mit elf Jahren spielte er Bachs "Wohltemperiertes Klavier", später schrieb er 100 Werke für sein Instrument um - von Gustav Mahlers fünfter Sinfonie bis zu Leonard Bernsteins "Candide"-Ouvertüre.

Kritiker werfen ihm Effekthascherei und Oberflächlichkeit vor. Zwar sei seine Virtuosität beeindruckend, aber "in ihrer penetranten Nervosität unpassend", hieß es etwa in einer CD-Kritik auf der Internet-Seite des Fachblattes "Organ - Journal for the Organ".

Das beeindruckt Carpenter nicht. Lange seien Kirchenorgeln als "Instrumente religiöser Propaganda" missbraucht worden, in Konzertsälen fristeten sie meistens ein Schattendasein und würden drei Mal im Jahr gespielt - "wenn es hochkommt", sagt er.

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