Calixto Bieito gibt sich erneut brav

Calixto Bieito erstaunte das Publikum. Seine Mannheimer Premiere des barocken Theaterstücks "Das Leben ein Traum" war unerwartet mainstreamig.

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Martin Aselmann als Prinz Sigismund in "Das Leben ein Traum". Foto: dpa

Wenig Blut, nur angedeuteter Sex, keine Buhrufe. Der katalanische Regisseur Calixto Bieito inszenierte das barocken Theaterstücks "Das Leben ein Traum" von Pedro Calderón de la Barca am Nationaltheater Mannheim: viel Beifall für eine unerwartet brave und mainstreamige Aufführung.

In einer an eine Stierkampfarena erinnernde Sand-Kreisbühne mit riesigem Deckenspiegel setzt sich das Stück unter anderem mit der Frage auseinander, wie frei der Menschenwille ist. Die von Flamenco-Musik unterstützte Handlung spielt im mittelalterlichen Polen, soll aber Spanien abbilden. König Basileo hat seinen Sohn Sigismund nach der Geburt in einen Turm gesperrt. Damit will der Monarch nach einer Prophezeiung verhindern, dass der Prinz ein Tyrann wird.

Als die Thronfolge ansteht, lässt er seinen Sohn 24 Stunden wie einen richtigen König behandeln. Das Experiment scheitert - dem sich aggressiv gebärdenden Sigismund wird vorgegaukelt, er habe alles nur geträumt. Schließlich wird er durch einen Putsch und die Krönung durch seinen angeschlagenen Vater doch noch zum Herrscher und mutiert trotz menschlicher Schwächen zum guten König. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob seine und die menschliche Existenz nicht doch eine Einbildung ist.

Bei den vielen aufgeworfenen Fragen des philosophischen Theaters tritt der Stoff in den Hintergrund. Der von seinem Sohn begnadigte König erkennt, dass es keinen Sinn hat, sich dem Schicksal in den Weg zu stellen. Im Zeitalter moderner Naturwissenschaft könnte das auch bedeuten, sich mit dem Zufall anzufreunden, zu leben und zu träumen.

Erfrischend ist Hofclown Clarin, der den Protagonisten den Spiegel der Wahrheit vorhält und auch deshalb am Ende sterben muss. Denn neben Verrätern sind in der Gegenwart ebenso diejenigen in Gefahr, die zu viel wissen. Damit verbindet Bieito das barocke Stück mit der modernen Geschichte Spaniens. Für ihn herrscht dort wegen der Nichtaufarbeitung der faschistischen Franco-Zeit ein gefährlicher Zustand - wegen der Nichtversöhnung mit der eigenen Vergangenheit. Sigismunds Erkenntnis in der Schlussszene "Alles ist Nichts" wird zur Botschaft: Die Menschen leben zusammen, aber ohne wirklichen Frieden.

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