Bravouröser Wagner-Abend mit "Lohengrin" am Theater Ulm

Mein lieber Schwan! Das war die längste Opern-Premiere der jüngeren Ulmer Theatergeschichte. Aber das Publikum feiert den "Lohengrin" sehr.

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Glänzend: Eric Laporte als Lohengrin am Theater Ulm.  Foto: 

Im Beton-Bunker sitzen die Edlen von Brabant vor ihren Laptops. Im Hintergrund zeigen TV-Schirme aktuelle Nachrichten. Aber jetzt sorgt sich König Heinrich um die Schlagkraft des deutschen Heeres. Denn die Brabanter sind führungslos. Gottfried ist verschwunden, und dessen Schwester Elsa ist angeklagt, ihn umgebracht zu haben. Jedenfalls behauptet das der machtgeile Graf Telramund, weil Elsa ihn verschmähte. Ein Gottesgericht muss das klären - aber wer duelliert sich für Elsa mit Telramund? Da geschieht ein Wunder. Grieselig und schwarzweiß schwimmt ein Schwan im Nachrichtenkanal. Breaking News zu sphärischen Streicherklängen: Der Retter kommt. Lohengrin aber muss seine märchenhafte Aura wahren und will Elsa nur unter einer berühmten Bedingung helfen: "Nie sollst du mich befragen." Okay, und dann beginnt in der Kommandozentrale der Kampf: Lohengrin mit dem Schwert, Telramund mit einem Sturmgewehr, das aus dem Ersten Weltkrieg stammen könnte.

Also es geht in dieser Inszenierung von Richard Wagners Oper "Lohengrin" in den Zeiten etwas durcheinander, so zwischen Mittelalter und Gegenwart. Regisseur Matthias Kaiser bietet am Theater Ulm mit einem mutigen Ensemble nicht konsequent eine aktuelle neue Werksicht an. Er konzentriert sich auf die menschlichen Dramen, erzählt respektvoll nahe am Libretto - aber etwas modernisiert.

So choreografiert Kaiser etwa Ortrud als das Böse schlechthin. Sie führt ihren Mann Telramund wie einen Hund an der Leine und zerstört fanatisch das Glück Elsas und Lohengrins. Im zweiten Akt ähnelt die dunkelblau ausgeleuchtete, massive Betonstreben-Architektur (Detlev Beaujean) der expressionistischen Film-Szenerie eines Murnau - oder der abstrakten Leere Neu-Bayreuths. Retro-Oper, aber der Raum für emotionale Ausbrüche. Und die großartige I Chiao Shih singt als Ortrud einen regelrechten Hexensabbat: in funkelnder wie urtiefer Verschlagenheit. Ein junger monströser Mezzo, umjubelt.

Das Sängerensemble ist aller Ehren wert. Erstaunlich, ja in der Grals-Erzählung exzellent: Eric Laporte. Sabina Martin singt die Elsa ambivalent: im Forte wirkungsvoll, die Sopranistin muss erst in die Gänge kommen. Kwang-Keun Lee ist ein höchst theatralisch fieser Telramund. Das wunderbar Romantische im "Lohengrin" entfaltet Timo Handschuh mit den fast durchgehend hervorragenden Philharmonikern im Vorspiel. Der GMD hält mühelos die Spannung in diesem Viereinhalb-Stunden-Abend, entwickelt feinnerviges Musikdrama, auch großen Wagner-Sound.

Rein romantisch und affirmativ aber endet dieser "Lohengrin" nicht. Kaiser verweigert klar und klug jede nationale Erlösung in dieser oft missbrauchten Oper. Wenn der Schwan sich als Gottfried entpuppt, wenn Lohengrin verkündet: "Zum Führer sei er euch ernannt!", erscheint ein blonder, völkisch uniformierter Jüngling, der dann Elsa niedersticht. So beginnt das Unheil.

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