Botschaften aus der Dunkelheit

Am besten wären sie ganz unsichtbar: Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt "Kassiber", Zeugnisse verbotenen Schreibens. Geheime, oft verrätselte Botschaften von Gefangenen.

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Was bedeutet Schreiben hinter Gittern? In schwarze Boxen eingesperrt, zeigt die "Kassiber"-Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne Zeugnisse der Heimlichkeit. Foto: dpa

"der rhein ist falsch./die rose kann ich nicht malen./der riese kann nicht kommen./bei heilbronn fuenf mann." Ist das Poesie oder ein Code für die nächste Terror-Aktion? Was die "bm-Häftlinge" - die Baader-Meinhof-Häftlinge - einander mit solchen verschlüsselten Botschaften zurufen wollten, die Beamten des LKA wussten es nicht: "die bedeutung der saetze und buchstabengruppen ist hier nicht bekannt", schreibt das LKA 1975. Rätselhaft lyrisch scheint die Botschaft heute noch, wie sie in ihrer Zelle liegt - allerdings nicht mehr im Gefängnis, sondern im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

In den Lücken schwarz beklebter Boxen sind "Kassiber" von Ovid über de Sade bis Pasternak ausgestellt, Mitteilungen von Gefangenen also, Zeugnisse (meist) verbotenen Schreibens - die wahrhaftig nicht sympathisch sein müssen. Die Kuratoren stehen dazu, Gudrun Ensslins Postkarte an Bernward Vesper neben Hans von Dohnanyis auf Pappbecherböden geklebte Botschaften aus dem Gestapo-Gefängnis an seine Frau zu zeigen.

"Wir treiben keinen historischen Relativismus, wir üben uns nicht in politischer Indifferenz", heißt es im Katalog. Aufgabe eines Archivs sei nicht die Selektion nach Kriterien politischer Moral, so betonte Direktor Ulrich Raulff bei der Eröffnung am Donnerstag noch einmal. Man dokumentiere Extremsituationen des Schreibens - ein ähnlicher Ansatz also wie die Schau im vergangenen Jahr zu einem Satz, der aus einer ganz anderen Extremsituation heraus spricht: "Ich liebe dich."

Die Etymologie mag Raulff recht geben: Das Jiddische "kessaw" bedeutet ursprünglich "Geschriebenes". Wer schreibt, warum, womit und worauf, ist so gesehen unerheblich. Doch Neutralität kann es bei diesem Thema nicht geben, und so bleibt es kritisch, Schriften des Rechtsradikalen Ernst von Salomon neben Botschaften aus dem KZ zu legen. Oder einen Egon-Krenz-Brief - ordentlich mit eigenem Briefkopf - mit jenem Kassiber auszustellen, das im unsichtbarsten aller Medien, im Gedächtnis, transportiert wurde: So hatte der Sohn des Dissidenten Julij Daniel dessen Gedichte aus dem Gulag geschmuggelt. In abgetippter Form gelangten sie "zurück", nach Ost-Berlin, wo Wolf Biermann sie übersetzte.

Die "Unsichtbarkeit" kann alle möglichen Formen annehmen: Nelson Mandela versteckte seine Aufzeichnungen in Kakaodosen, Bertolt Brecht seine "Legende vom toten Soldaten" in einem Buch von Robert Walser. Rosa Luxemburg schmuggelte Texte in Pflanzen. Und sie klebte ihre Herbarien mit getrockneten Blumen auch zur eigenen Freude.

Viele dieser Botschaften erzählen natürlich sehr persönliche Geschichten, manchmal nur in einem Wort. "Zipli" - ihren Spitznamen - hat Dora Angel-Soyka in ein Taschentuch gestickt, das sie ihrem Verlobten Heinrich Eduard Jacob ins KZ Dachau schickte. Ein Kassiber, das Glück gebracht hat: Jacob überlebte die Verfolgung und emigrierte später mit Dora nach New York. In die Freiheit.

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