Blicke des Hasses und der Hoffnung

Wenn Regisseure wissen, was die Stunde geschlagen hat: Filme mit gesellschaftspolitischen Aussagen prägten das Programm der 32. Französischen Filmtage in Tübingen und Stuttgart.

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Brutal und realistisch: "Un Français" mit Alban Lenoir (links) als Skinhead Marco.  Foto: 

Fäuste fliegen, Messer blitzen, Stiefel werden in wehrlose Körper gerammt. Knochen knacken, Blut spritzt, und auch der Hass tritt in Schwällen aus: "Das hier ist Frankreich! Schwule, Rote und Araber haben hier nichts verloren!" Es sind schockierend realistische Bilder, mit denen Diastèmes Film "Un Français" beginnt. Die Skinhead-Szene spielt 1985, und doch ist es "der Film zur Stunde", wie Christopher Buchholz, Leiter der heute endenden Französischen Filmtage betont. Er hatte zu einer gesellschaftlichen "Bestandsaufnahme", geladen, "und das ist der Film für diese Diskussion".

Seit Jahren beobachtet Buchholz, "dass die politische und gesellschaftliche Situation in Frankreich schlimmer wird". Das schlägt sich auch auf das Programm der Filmtage nieder. Diastèmes "Un Français" war einer der Schlüsselfilme: Er zeigt schon im Titel auf, dass er programmatisch und exemplarisch verstanden werden soll.

Ja, es geht um "einen Franzosen" - um einen, der es schafft, sich aus der Spirale der Brutalität und des Rassismus' zu befreien. Erzählt wird die Geschichte des Skinheads Marco, der als Jugendlicher ein blutdürstiger Schläger ist, zum Leibwächter beim Front National wird, aber sich über die Jahre, über die Jahrzehnte von der Gewalt und dem Zorn löst.

Das veränderte gesellschaftliche Klima in Frankreich war für Diastème - der als Musiker begann, dann als Autor und Theatermacher arbeitete und nun auch Filme dreht - der Anstoß zu "Un Français": als er 2013 die dumpfen Demos gegen die Homo-Ehe erlebte, als die schwarze Justizministerin mit Affenlauten verunglimpft wurde.

Auch wenn Personen und Handlung erfunden sind, basiert der Film auf realen Erfahrungen. Typen wie Marco und die anderen Skins "waren meine Sandkastenfreunde", erzählte der Regisseur im Tübinger Kino Museum. Manche hätten sich tatsächlich vom Hass gelöst, und Diastème will zeigen, "dass es auch diesen anderen Weg gibt". Viele aber hätten einfach so roh weiter gemacht: "Manche haben sich die Haare wachsen lassen, doch sind innerlich die gleichen geblieben und kandidieren heute auf der Liste des Front National."

"Un Français" ist ein kraftvoller, hervorragend gecasteter Film: Die Blicke des Hasses, aber auch der Hoffnung brennen sich ein. Die einzige Schwäche ist, dass er nicht erzählt, nicht einmal andeutet, was Marco zum Umdenken anregt. So wirkt das Ganze eben doch recht didaktisch. Kalt lässt die Geschichte dieses besonderen Filmhelden den Zuschauer aber nicht, denn es wird gezeigt, dass Marcos mutiger Weg auch in die Vereinsamung führt.

Politische Akzente werden diesmal in allen Reihen der Französischen Filmtage gesetzt. Der Bogen reicht von Richard Brouillettes Dokumentation über den im Januar ermordeten Charlie-Hebdo-Autor Bernard Maris bis zu Vincent Garenqs "Die Clearstream-Affäre" über den vom Journalisten Denis Robert aufgedeckten Finanzskandal.

Einem der angesehensten politischen Filmemacher Frankreichs ist eine Werkschau gewidmet: Philippe Faucon. Er bringt oft Menschen auf die Leinwand, "die sonst niemand sieht". Etwa in seinem feinen Sozialdrama "Fatima": die Geschichte einer Algerierin in Paris, die von früh bis spät putzt, um ihren Töchtern ein besseres Leben zu ermöglichen - und die anfängt, ihre Gefühle in Gedichten aufzuschreiben. Faucon zeigt dabei, dass die Risse nicht nur quer durch die Gesellschaft, sondern auch mitten durch die Migrantenfamilien verlaufen.

Und doch: Trotz aller politischer Dramen und Thriller feiert das Festival in seiner 32. Auflage den französischen Film in seiner Vielfalt. Tanz und Musik, Genre-Spielereien und Artifizielles - alles im Angebot. Von der bleiernen Künstler-Selbstbespiegelung "Le Dos Rouge" bis zur herrlich fantasievollen Tragikomödie "Attila Marcel" um einen stummen Pianisten findet sich so ungefähr alles im Programm. Selbst eine eher seichte Wohlfühlkomödie wie "Mit dem Herz durch die Wand" hat da ihren Platz: die Liebesgeschichte eines lärmempfindlichen Erfinders und einer Pianistin, die durch hellhöriges Mauerwerk miteinander kommunizieren, sich aber nie zu Gesicht bekommen. Fürs Happy End muss da nur die Wand durchbrochen werden - so einfach werden Barrieren aber leider nur noch in einem französischen Liebesfilm überwunden.

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