Blaue Wunder auf der "Art Karlsruhe "

Die Verrücktheiten, die sich der Kunstbetrieb gegenwärtig leistet, die gigantischen Preissprünge und irrwitzigsten Einfälle, all das kann man jetzt bis Sonntag auf der Art Karlsruhe mit Händen greifen.

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    Der Rieseneimer des Inders Suboth Gupta in der Sonderschau des Sindelfinger Schauwerks auf der Art Karlsruhe 2015. Foto: 
  • Messe-Gründer und Kurator Ewald Karl Schrade. 2/2
    Messe-Gründer und Kurator Ewald Karl Schrade. Foto: 
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Natürlich wird auch auf der Art Karlsruhe an der Messeallee in Rheinstetten wieder heftig über die leidige Mehrwertsteuererhöhung für die Kunst diskutiert: Diese Entscheidung hat die Kunsthändler bis ins Mark getroffen und vor allem für die jungen Galerien kann das schnell zu einer Existenzfrage werden. Aber damit soll der Besucher der Art Karlsruhe möglichst nicht behelligt werden. Allenfalls wird er es mitbekommen, wenn er sich in den meist opulent ausgestatteten Kojen der 212 in diesem Jahr an der Karlsruher Messe beteiligten Galerien umschaut und die Preisschilder unter die Lupe nimmt.

Und da kann er seine blauen Wunder erleben. In einer einzigen Galerie, in der Halle 3, wo die Kölner Kunsthandlung Osper residiert, werden einem all die Verrücktheiten des Kunstbetriebs schlagartig klar. Der Blick fällt auf die von Stephan Balkenhol aus einem Holzstamm hervorgezauberte "Frau mit weißem Kleid". Man kann die kleine Lady für stolze 59.000 Euro käuflich erwerben.

Dabei wäre man fast an dem dicht danebenhängenden, ziemlich unauffälligen Kleinformat, einem abstrakten Ölbild von 1978 aus dem Atelier von Gerhard Richter vorbeigeschrammt. Wenn das Preisschild nicht gewesen wäre: Osper will für das 33 x 27 Zentimeter-Werk sage und schreibe 550.000 Euro haben. Da bleibt einem die Spucke weg. Aber genau für solche Wechselbäder der Gefühle ist auch die ansonsten als bescheiden, bodenständig und regional geerdet geltende Kunstmesse Art Karlsruhe gut.

Das befeuern natürlich zuerst die Künstler selber. Da werden die irrwitzigsten Einfälle in Kunstarbeiten umgesetzt und dem Publikum ohne jede Rücksicht auf Geschmacksempfindlichkeiten vorgeführt. HA Schults aus Cola-Dosen zusammengepresste Müllmänner in der Großkoje der Galerie Schloss Mochental, das sind ja schon gute alte Bekannte, und dass Stefan Strumbel bei der Circle Culture Gallery unsere Heimatsehnsucht mittels Kuckucksuhren und Schwarzwälder Bollenhüten ironisch bekrittelt, das lässt uns wieder einmal genüsslich schmunzeln.

Aber die Frage, wo süßlicher Kitsch anfängt und endet, stellt sich beispielsweise bei Erich Kissing in der Galerie Schwind, wo zahlreiche in Ei-Tempera gepinselte Nackedeis einem etwas doof vor sich hin stierenden Astronauten eine "Weiche Landung" bescheren.

Unangenehm auch, wenn man auf den Skulpturenplätzen ganz merkwürdig missglückte, spindeldürre Giacometti-Nachgeburten antrifft, erfrischend dann schon die Begegnung der besonderen Art mit dem ins Riesenhafte gewachsenen pinkfarbenen Frei-nach-Dürer-Plastik-Feldhasen von Ottmar Hörl, der als Auflagenobjekt von der Mannheimer Galerie Kasten für satte 14.300 Euro ausgelobt wird. Ein spezielles Wohlgefühl stellt sich bei der Art Karlsruhe immer dann ganz sicher ein, wenn man etwa bei Schlichtenmaier in Halle 3 andächtig vor einem wunderbar einfach und klar durchkomponierten Hard-Edge-Großformat von Georg Karl Pfahler (21.000 Euro) oder vor einem frühen Daumen-Bild von Lambert Maria Wintersberger (32.000 Euro) verharren darf, nicht zu sprechen von dem Kunsterlebnis bei der Betrachtung des 300.000 Euro schweren und doch federleicht wirkenden Ölbilds "Brunnen der Villa Romana" von Hans Purrmann bei Henze & Ketterer.

Solche kleinen Ruhepausen sind in Karlsruhe dringend geboten, denn man bräuchte eigentlich alle fünf Öffnungstage der Art Karlsruhe, um das Riesenangebot an Kunst einigermaßen in den Griff zu kriegen.

Messe-Kurator Ewald Schrade: "Gegenwind gibt Kraft"

Seit zwölf Jahren managt Ewald Karl Schrade die Kunstmesse Art Karlsruhe. Für ihn eine Erfolgsgeschichte.

Am Anfang haben Kritiker erklärt, die Art würde ein Riesen-Flop werden. . .

Schrade: Es ist natürlich so, dass ich gelernt habe, bei dem doch sehr schweren Gegenwind, dass eben dieser Gegenwind auch viel Kraft gibt, sonst gäbe es ja beispielsweise auch keinen Strom aus Windkraftwerken. Ich habe auch auf die Kritik reagiert, indem ich schon im zweiten Jahr die Messekapazität verdoppeln konnte. Ich habe dann drei Jahre später eine kleine Halle dazu genommen für die Fotografie, die Grafik und die Editionen. Und dann kam der Berliner Senat und hat sich dafür interessiert, dass seine Galerien im Rahmen eines Förderprogramms an der Karlsruher Messe teilnehmen. Ich musste da noch erweitern und jetzt haben wir zwei große und zwei kleine Hallen.

Karlsruhe war ja vorher in Sachen Kunstmarkt ein ziemlich unbeschriebenes Blatt?

Schrade: Ich habe vor der Etablierung dieser Messe immer gesagt, dass ich es hinkriegen muss, dass die ganze Region hier eingebunden wird. Da ist viel gelungen. Heute ist die Kunst ja, im Gegensatz zu früher, viel mehr im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Ich bin auch sehr stolz auf die kleinen Hallen der Art Karlsruhe, in denen ich gerade junge Leute für die Kunst begeistern kann.

Von Jahr zu Jahr wollen Sie das Niveau der Messe weiter anheben. Wie ist das zu schaffen, wenn sich ab und an "Schmuddelecken" auftun?

Schrade: Diese Art Karlsruhe ist ja kein Wunschkonzert, d.h. wenn ich auf Qualität achte, dann muss ich vor allem um die guten Galerien werben. Klar ist, dass ein unterschiedliches Qualitätsniveau existiert, das können wir nicht verhindern, meine Aufgabe sehe ich aber eben darin, die guten Galerien zu erhalten. Natürlich kann es, wie Sie sagen, Schmuddelecken geben, aber es hat sich gezeigt, dass auch die Galerien generell zugelernt und in Sachen Qualität zugelegt haben. Auch den jungen, experimentierfreudigen Galerien wollen wir einen möglichst breiten Raum bieten. Man soll sich ja mit der Kunst auseinandersetzen.

Info Die Art Karlsruhe ist noch bis Sonntag, 8. März, geöffnet. Öffnungszeiten bis 7. März von 12-20 Uhr, am 8. März von 11-19 Uhr. Mehr Infos: www.art-karlsruhe.de

 

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