Biennale eröffnet mit fernen Klängen

Was macht das neue Musiktheater? Das zuständige Festival, die Münchner Biennale, startet mit einer gespenstischen Seelen-Oper von Sarah Nemtsov.

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"Der ferne Klang" heißt das Motto der 13. Biennale - die gleichnamige Oper von Franz Schreker feierte vor just 100 Jahren Uraufführung. Das Münchner Treffen, das sich als "Internationales Festival für neues Musiktheater" versteht, bezieht sich somit explizit auf ein Pionierwerk der Moderne. Ein beliebiger, trendiger Festivalzirkus ist unter dem Leiter Peter Ruzicka eh nicht zu erwarten: Bei ihm kann sich das Publikum auf durchdachte, dichte Konzepte verlassen.

Schon in der Auftaktoper "LAbsence" von Sarah Nemtsov ist das Festivalmotto präsent: "Der ferne Klang" ist hier der Nachhall einer Katastrophe. Denn die 32-jährige Komponistin Nemtsov skizziert die (Liebes-)Geschichte der beiden Holocaust-Überlebenden Sarah und Yukel, deren zerstörte Seelen nicht zueinander finden - das Libretto basiert auf Edmond Jabès "Das Buch der Fragen" (1963-72). Nemtsov breitet eine Vielzahl von szenischen Bruchstücken aus, moderiert von einer Erzählerfigur am Rande: Rückblenden, innere Monologe, Tanzsequenzen, historische Splitter und Reflexionen über jüdische Identität.

Eingearbeitet in Nemtsovs Musik sind Spurenelemente aus Synagogengesängen und Klezmerrhythmen, allerdings kaum wahrnehmbar und verwoben zu einer eigenwilligen, modernen Klangsprache. Es gibt schrille Reibungen, düstere Blechakzente und heftige Schlagzeuggewitter. Prägend für die Oper sind zudem metallische Hackbrettsounds, und der im Text zitierte "stumme Schrei" klingt in der Oboe wie ein erstickter, tonloser Klagelaut - ein besonderes Lob gilt dem hoch präzisen Bundesjugendorchester unter Rüdiger Bohn.

Festivalreif die Solisten: Vor allem Tehila Nini Goldstein (Sarah), Assaf Levitin (Yukel) und Bernhard Landauer (Erzähler) fesseln mit glühenden Kantilenen. Die Bühne (Etienne Pluss) wird dominiert von großen, rechteckigen Neonleuchtrahmen, die wie riesige Seiten eines Buches umgeblättert werden.

Mit Betroffenheitsmusik hat Nemtsovs Oper wenig zu tun. Es geht um die Nachwirkungen einer Menschheitskatastrophe, um ihr Echo in der Psyche Überlebender. Jasmin Solfagharis Regie bietet Fragmente, Schlaglichter. Vieles wirkt surreal verfremdet (etwa das debattierende Rabbiner-Quintett), und die umherirrenden Seelen bleiben meist durch transparente Wände getrennt. Dennoch, abseits von gespenstischen Geschichts-Echos gibt es auch einen zukunftsweisenden "fernen Klang": Und der erzählt von einer möglichen Liebe in einem anderen, künftigen Leben - der stärkste Moment der ganzen Oper.

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