Bewegende Bilder

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Die Ausstellung über Filmpionier Carl Laemmle gehört zu den Schwerpunkten des Museums zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim. Derzeit erzählt eine Sonderschau in Filmplakaten von 100 Jahren Universal - der Filmfirma, die der Laupheimer Laemmle 1912 gegründet hat. Fotos: Museum Laupheim

Im Poesiealbum der jüdischen Schülerin Clara Einstein aus dem Jahr 1886 grüßen nur jüdische Mitschülerinnen. Im Poesiealbum eines jüdischen Mädchen von 1912 haben sich hingegen auch christliche Freundinnen verewigt. Und im Poesiealbum von 1915 prangt "Deutschland, Deutschland, über alles" - selbstverständlich, denn zu der Zeit lassen in den Schützengräben junge deutsche Christen und Juden Seite an Seite ihr Leben. Doch wird es von da an wiederum nicht mal 20 Jahre dauern, bis die tödliche Hatz auf die Juden durch die Nazis beginnt.

"Nebeneinander. Miteinander. Gegeneinander" heißt die Dauerausstellung im Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim. Es ist ein städtisches Museum, doch "entspricht es von Anspruch und Umfang her einem Landesmuseum", wie Leiter Michael Niemetz betont.

Konzipiert wurde die Dauerausstellung vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg - auch wenn die Geschichte von Christen und Juden konkret, anschaulich am Beispiel Laupheims erzählt wird, auf drei Etagen und 800 Quadratmetern, so geht es doch exemplarisch weit über Stadtgeschichte hinaus: Im Kleinen spiegeln sich mehr als 200 Jahren nationale, ja Weltgeschichte wider. Eine Geschichte von Koexistenz, Annäherung, Assimilation, Integration - aber auch von Abstoßung und letztlich von der Barbarei des Völkermords.

1734 beginnt diese Geschichte: Damals nimmt der hochverschuldete Freiherr von Welden die ersten vier jüdischen Familien in Laupheim auf - für ihn finanziell lukrativ, da er Schutzgeld und Sondersteuern fordern kann. Im Museum symbolisieren Holzwände die Parallelgesellschaften von Christen und Juden - Wände der Ablehnung, des Nebeneinanders. Doch die jüdische Gemeinde Laupheims gedeiht, und in der bürgerlichen Stadtgesellschaft des 19. Jahrhunderts zeichnet sich eine vorsichtige Annäherung ab. Fordern und fördern - so beginnt Integration.

Im Jahr 1860 leben 900 Juden in Laupheim - das ist jeder Vierte der rund 3500 Einwohner. Hatten Christen und Juden lange Zeit eigene Vereine und Schulen, so greift die Entwicklung nun ineinander. Die anfangs erwähnten Poesiealben zeugen davon. Michael Niemetz spricht von einer "Erfolgsgeschichte", zugleich aber von "stets labilen Verhältnissen".

Und so folgt auf das Miteinander das Gegeneinander. Der Erste Weltkrieg erschüttert das Gleichgewicht, danach wächst der Antisemitismus, die Weimarer Republik wird gleichzeitig zum Höhe- und Wendepunkt christlich-jüdischer Koexistenz. In den Museumsräumen wird nun der Fußboden schräg: Da gerät die Welt sichtbar aus den Fugen. Im Jahr 1933 leben 240 Juden in Laupheim, etwa die Hälfe schafft es noch zu emigrieren - die Anderen sterben in den Vernichtungslagern. Seit 1942 gibt es keine Juden mehr in Laupheim.

Erst in den 80ern setzt in der Stadt eine ernsthafte Aufarbeitung mit ihrer jüdischen Geschichte ein - Schlusspunkt der Dauerausstellung sind Bilder aus der multikulturellen Gegenwart Laupheims. Und das Museum selbst ist ein Zeugnis der besonderen städtischen Historie: Ohne die Leihgaben und Schenkungen der Nachfahren jüdischer Laupheimer wäre es nicht denkbar.

Geschichte und Gesichter: Das Museum erzählt oft anhand von Einzel- und Familienschicksalen. Eine eigene Abteilung ist Carl Laemmle gewidmet: 1867 in Laupheim geboren, wanderte er 1884 nach Amerika aus und begründete 1912 die Universal-Studios. Gewürdigt wird seine Leistung als Vater Hollywoods, aber auch seine Verbundenheit mit der schwäbischen Heimat - in den 30ern übernahm er Bürgschaften für zahlreiche Juden, den er damit die Ausreise ermöglichte.

Es ist eine Geschichte der bewegten Bilder und bewegenden Bilder, und im Museumskino prangt der berühmte Universal-Globus auf dem Vorhang. In Laupheim wird eben auch von der ganz großen Welt erzählt.

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