Berlin zeigt bis 18. Mai beim 51. Theatertreffen eine exquisite Bestenlese

Das Angebot ist überwältigend und überfordernd vielfältig - keine der zehn ausgewählten Spitzenproduktionen beim Berliner Theatertreffen gleicht der anderen. Der Theaterpreis ging an Johan Simons aus München.

|

Der erste Abend des 51. Berliner Theatertreffens setzte Zeichen. Das Münchner Residenztheater ist seit Jahrzehnten erstmals, aber dann gleich mit zwei Stücken wieder unter den zehn sehenswertesten Aufführungen des deutschsprachigen Theaters beim Jahrestreff der Kritiker. Dort hat der im Oktober vergangenen Jahres gestorbene Dimiter Gotscheff mit dem Eröffnungsstück ein starkes Vermächtnis hinterlassen: "Zement", ein frühes Lehrstück Heiner Müllers nach einem russischen Roman von 1926. "Wir stecken bis zum Hals im Kapitalismus" und "Genug geschwatzt, Genosse!" Das meißelt Gotscheff, der ewige Revolutionär, in betongrau archaische Bilder, in denen Müllers durchaus zur Ironie taugliche Helden-Mythologie nahtlos aufgeht und so mit Wucht ins Hier und Jetzt von Moskau und Kiew deutbar erscheint.

Ebenfalls um Krieg, und darum, wie Banken damit Waffenhändler-Geschäfte machen, geht es beim Rimini-Protokoll, dem schlagkräftigsten deutschen Außenseiter-Regiekollektiv auf internationalem Parkett: Ihr Stück "Situation Rooms" ist aber nur mit einer Dokumentationsbox im Haus der Berliner Festspiele - zu denen das Theatertreffen gehört - vertreten. Die Produktion kommt auf ihrer Tour erst im Dezember nach Berlin.

Dafür ist das Wiener Burgtheater mit einem ähnlich ungewöhnlichen gesellschaftspolitischen Projekt präsent: "Die letzten Zeugen" als mahnende Erinnerungsgeschichte der Shoa anhand von sieben Biografien leibhaftiger Zeitzeugen. Auch sonst kommt die Kunst nicht immer von reinen Berufskünstlern und sucht sich häufig ihren Spielplatz jenseits bekannter theatraler Ästhetik-Regeln: An den Münchner Kammerspielen hat sich der flämische Choreograph Alain Platel mit "tauberbach" der Gehörlosen angenommen, die mit ungezügelter Körper-Vehemenz ihre ganz andere Welt gestalten und damit vom Zuschauer eine ihm ungewohnte Wahrnehmungsfähigkeit fordern.

Zur Erholung rettet dann Herbert Fritsch mit seiner Wahnsinnsoper "Ohne Titel Nr. 1" an der Volksbühne die Ehre Berlins - mit der von ihm mittlerweile weltmeisterlich beherrschten Kunst des absoluten höheren und tieferen Blödsinns.

Gesamtsieger aber ist diesmal eindeutig München: Johan Simons, Regisseur und Intendant der dortigen Kammerspiele, nahm am Samstag den mit 20 000 Euro dotierten Theaterpreis Berlin entgegen. Er stehe für ein Theater, das über Sprach-, Landes- und Genregrenzen springe, urteilte die Jury. Zudem glänzt die bayerische Metropole mit vier Einladungen.

Berlin ist zwar neunmal unter die letzten 33 der 400 von der siebenköpfigen Jury nimmermüde angeguckten Inszenierungen gekommen, aber letztlich blieben acht Berlin-Nennungen auf der Strecke.

München dagegen brauchte nur acht Nennungen, um vier davon über die Ziellinie zu bringen: Neben Platels "tauberbach" noch Fleißers schmerzhaft grell verzerrtes "Fegefeuer in Ingolstadt" und die fast fünf Stunden lange Celine-"Reise ans Ende der Nacht" von Frank Castorf. Der ist für Berlin nicht unbedingt eine Entdeckung, in seinem überlebensgroßen Volksbühnen-Repertoire ist er stets mit mindestens sechs Inszenierungen vertreten.

Auch Zürich ist glanzvoll zurück im Geschäft: Allrounder Alvis Hermans sezierte die ergreifende "Geschichte von Kaspar Hauser" und Karin Henkel machte frei nach Kleist "Amphitryon und sein Doppelgänger" zum raffiniert verschachtelten Identitätsrätsel.

Erstmals beim Theatertreffen ist heute und morgen der jetzt auch in Stuttgart erfolgreiche Jungregisseur Robert Borgmann zu sehen, dessen "Onkel Wanja" einen fiebertraumhaften Zeitlupen-Tschechow so zelebriert, dass er ebenfalls mehr in die Kategorie der frei waltenden Installationen fällt. Stuttgart musste schon deshalb auf die Einladungsliste, weil es den imponierenden Start von Intendant Armin Petras zu würdigen galt. Den vermisst man in Berlin aufs Allerherzlichste.

"Mut zur Zumutung" übertitelt Jury-Mitglied Christoph Leibold seinen Leitartikel im Almanach des 51. Berliner Theatertreffens. Das kann als Motto für die 14 vollgepfropften Tage der Leistungsschau dienen, deren dehnbares Alleinstellungs-Kriterium ist, dass die eingeladenen Inszenierungen irgendwie "bemerkenswert" sein sollten. Das sind sie, keine Frage.

Dabei bilden die zehn Auserwählten zwar den Kern des prestigeträchtigen Berlin-ist-auch-die-Kulturhauptstadt-Unternehmens, aber stellen kaum ein Viertel des Theatertreffen-Programms. Das rückt Gotscheff mit einer Werkschau in den Fokus, verleiht bis 18. Mai noch weitere Preise, bietet den Stückemarkt zur Auswahl begehrter internationaler Theatergrößen, schlägt ein Vernetzungs-Camp auf und finanziert nicht weniger als 36 Stipendiaten aus aller Welt. Mehr geht nicht.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Terror in Spanien: Polizei tötet mutmaßliche Terroristen in Cambrils

Nach dem Anschlag in Barcelona hat die Polizei fünf mutmaßliche Terroristen in dem Badeort Cambrils erschossen und damit wohl Schlimmeres verhindert. Die aktuelle Entwicklung in unserem Live-Blog. weiter lesen