Becketts „Endspiel“ mit dem Berliner Ensemble

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Wehmütige Abschiedsstimmung in der Berliner Theaterwelt. Zwei der bedeutendsten Schauspielhäuser Deutschlands verlieren mit Ende dieser Spielzeit, unfreiwillig, ihre langjährigen Erfolgs-Intendanten. Bei der Volksbühne ist Frank Castorf gerade dabei, sich mit nichts Geringerem als Goethes „Faust“ zu verabschieden. Beim Berliner Ensemble hat sich Claus Peymann noch Kleists „Prinz von Homburg“ als letztes Stück vorbehalten.

 In der Volksbühne weicht das ganze zu Recht berühmte Star-Regiequartett entsetzt vor dem gänzlich theater-unerfahrenen Neuling Chris Dercon. René Polleschs Abschieds-Vorstellung steht noch bevor, Christoph Marthaler und Herbert Fritsch haben schon geliefert, beide glanzvoll mit absurder Hochkomik. Der eine mit „Gemischte Gesichter, bekannte Gefühle“ als Vollendung seines ersten genialen Volksbühnen-Streichs „Murks, murks den Europäer!“, der andere unter dem vergleichbar ironischen Titel „Pfusch!“ als Orgie irrwitzigsten artistischen Körper- und Grimassen-Scherzens und einem traurig ins Publikum gehauchten Abschieds-„Tschüss!“ in jeweils ganz  individueller Eigenbetonung.

 Jetzt also ist das Berliner Ensemble an der Reihe. Bevor es noch Brecht/Weills „Happy End“ obendrauf gibt, erst mal Samuel Becketts Klassiker des absurden Theaters, das nicht happy endende „Endspiel“ vom längst erfolgten Untergang der nur noch von vier Restexistenzen gefängnishaft bewohnten Welt. Gleichwohl heißt ihre Devise: „Nichts ist komischer als das Unglück.“

Magische Bilder

Robert Wilson, der mit zehn Inszenierungen seit 1998 im Berliner Ensemble zuhause ist, hat als Tschüss dem Beckett geradezu archetypisch seine exquisiten  optischen Magier-Finessen angedeihen lassen. Also wie immer ein am expressionistischen Stummfilm orientiertes Slow-Motion-Ritual, räumlich und im mimischen Ausdruck streng minimalistisch und in Schwarz-Weiß mit gleißendem Signal-Rot dazwischen. Stereo-Ton aus allen Himmelsrichtungen, punktgenau knallige Ton- und Lichteffekte aus dem Eff­eff, weiß getünchte Clowns-Gesichter und die einzige bewegliche Hauptfigur, der Diener Clov von Georgios Tsivanoglou, im chaplinesken Watschelgang.

Diese hohe Kunst der totalen Künstlichkeit funktioniert beim licht- und tontechnisch unvergleichlichen Berliner Ensemble wieder mal  perfekt –  bis zur putzig klitzekleinen Mini-Leiter und einer die Bühne im nebligen Hintergrund gespenstisch querenden XXL-Ratte und einem faltbaren Schattenriss-Hund, den sich der ohne Blindenbrille auskommende Rollstuhlfahrer Hamm von Martin Schneider wünscht. Hamms Eltern im Mülleimer werden von Jürgen Holtz und Traute Hoess aufs Allerliebste als vergnügt skurrile Altchen mit der Leichtigkeit des (Endstadium-)Seins gesegnet.

Dass Mülleimer bei Robert Wilson keine gewöhnlichen verbeulten Abfallbehältnissse sind, versteht sich. Es sind keimfrei geometrisierte, höchstens dreißig Zentimeter aus den Bühnenboden fahrende Kreis-Segmente, in deren unsichtbar grabes-unterirdischem Inneren „irgendetwas seinen Gang geht“.

Becketts bewährte Jetzt-bin-ich-dran-Überlebende sind eben in einer märchen-, respektive alptraumhaften  anderen Welt zuhause, einer stilreinen glühlämpchen-umzierten Theaterwelt des aber schon sehr schönen Scheins. Christoph Müller 

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