Bach, Brahms und Breakdance beim Musikfest

Spannende Kontraste beim Musikfest Stuttgart: Mittags gibts von Bach "Viel Bekümmernis", am Abend Breakdance zum "Wohltemperierten Klavier".

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Breakdancer wirbeln zum "Wohltemperierten Klavier". Foto: Holger Schneider

Mindestens halbiert haben dürfte sich vom späten Mittag bis zum frühen Abend das Durchschnittsalter der Musikfest-Besucher am Montag. In der Stiftskirche präsentierte Bachakademieleiter Hans-Christoph Rademann den traditionellen Bachfans einen "echten Sensationsfund", so Chefdramaturg Michael Gassmann in seiner Einführung. Eben erst im Archiv der Wiener Singakademie entdeckt, jetzt in der Musikfest-Reihe "Sichten auf Bach" zu erleben: Brahms Bearbeitung der Kantate BWV 21 "Ich hatte viel Bekümmernis".

Die hat der Romantiker nicht nur "eingerichtet", sondern regelrecht bearbeitet. Bei den Nummern 3 und 8 beispielsweise ersetzte er das Orgel-Continuo durch auskomponierte Streichersätze und im Lobpreis-Finale die hohen Trompeten durch Klarinetten, da seine Musiker überfordert waren. Um diese Eingriffe hörbar zu machen, konfrontierte Rademann sie jetzt beim Musikfest vor der kompletten Aufführung von BWV 21 mit diesen drei Beispielen aus Bachs Original. Mit der prächtigen Gächinger Kantorei, dem exzellenten Bach-Collegium Stuttgart und ausgezeichneten Gesangssolisten gelang ihm eine vitale Interpretation der Kantate, aus der Brahms ein hochromantisches Orchesterstück gemacht hat; es klang ein bisschen wie die Bach-Bearbeitungen des Dirigenten Leopold Stokowski.

Wusste das Publikum in der Stiftskirche, was es an Bach hat, dürfte der Komponist am Abend im Hegelsaal der Liederhalle eher ein Unbekannter gewesen sein. So packte Bachakademie-Intendant Gernot Rehrl die Gelegenheit beim Schopf und erklärte dem vorwiegend jüngeren Publikum, was seine Akademie so macht, etwa ein vertanztes Weihnachtsoratorium im Dezember. Auch Christoph Hagel, Dirigent und Opernregisseur, will mit "Red Bull Flying Bach" den Barock-Komponisten "zur Jugend auf die Straße bringen". Sein Medium: die vierfachen Breakdance-Weltmeister "Flying Steps".

Wie die zu Präludien und Fugen aus dem "Wohltemperierten Klavier" wirbeln, ist Spitzenklasse. Dabei setzen sie die Musik, meist auf Flügel und Cembalo musiziert, aber auch mit Beats aufgemotzt, perfekt in Bewegung um. Tosender Applaus für den Turbo-Bach.

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