Auf der Shortlist: „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse

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„In Kakanien, diesem unverstandenen Staat, der in so vielem ohne Anerkennung vorbildlich gewesen ist, gab es auch Tempo, aber nicht zuviel Tempo“, schrieb Robert Musil einst über die österreichisch-ungarische Monarchie. Nationalismus und ethnische Vielfalt, gepaart mit absurdem Sisi-und-Kaiser-Pomp haben zum Zerfall des Großstaats unter seiner glänzenden Patina geführt – nachzulesen in „Der Mann ohne Eigenschaften“ aus dem Jahr 1943.

Dass gerade dieser bissige Klassiker der Moderne das Lieblingsbuch des fiktiven Präsidenten der Europäischen Kommission in Robert Menasses neuem Werk sein soll, gibt zu denken. Stellt der schwerfällige k.u.k.-Apparat gar ein Fanal für die EU dar? Wer seine letzten Einlassungen aufmerksam gelesen hat, weiß: Robert Menasse ist ein besorgter Europäer, besorgt um das Projekt des Friedens, besorgt um einen Geist der Weltoffenheit, der im eigentlich postnationalen Zeitalter dem staatstümelnden Kleinklein zum Opfer zu fallen droht.

Ränkespiele und Karrieristen

Nach den philosophischen und politischen Streitschriften nun also ein souveräner Roman mit dem Titel „Die Hauptstadt“. Wo sonst sollte er spielen als in Brüssel? Dort herrscht rege Betriebsamkeit: Wegen eines bevorstehenden Jubiläums der Kommission fühlen sich unterschiedliche Akteure mit noch unterschiedlicheren Motiven dazu angehalten, eine Werbeaktion aus dem Hut zu zaubern, um die – milde ausgedrückt – angekratzte Fassade der Behörde aufzuhübschen.

Wer wie Fenia Xenopoulou den Weg nach oben verfolgt, kann mit der rechten Idee punkten. Prompt fordert sie von ihrer Abteilung im Kulturressort kluge Vorschläge ein. Als der Angestellte Martin Susman auf den Einfall kommt, die letzten Überlebenden aus den Konzentrationslagern ins Zentrum einer Kampagne zu stellen, die den Einigungsprozess als Lehre aus der Geschichte verkaufen soll, beginnen die Mühlen der EU zu mahlen. Ränkespiele werden betrieben und Partikularinteressen geltend gemacht. Wohin man in diesem intelligenten und humorvollen Roman blickt, überall trifft man auf Karrieristen – „ihr Hauptmerkmal ist ihre Unzerstörbarkeit“.

Menschen mit Haltung und wahrem Interesse an einem geeinten Kontinent finden sich nur außerhalb, zum Beispiel der Holocaust-Überlebende David de Vriend oder der Wirtschaftswissenschaftler Alois Erhart. Wunderlich, aber höchst spannend klingt dessen Utopie, die ihn jedoch ins Abseits befördern wird: „Europa muss eine Hauptstadt bauen. Eine neue Stadt, deren Errichtung die Leistung der Union ist, und nicht eine alte Reichs- oder Nationshauptstadt, in der die Union nur Untermieterin ist“, und zwar obendrein noch auf dem Gelände von Auschwitz!

Alle einsamen Figuren bilden wie die Staaten ein Netz, ohne wirklich zu kommunizieren oder zu interagieren. Es ist das Spiegelbild eines Europas der Einzelkämpfer, nicht eines der Solidarität. Die Botschaft dieses auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stehenden Romans ist klar: Statt Zankereien und Selbstbedienungsmentalität braucht die EU Mut zur Zukunft. Ganz im Sinne Ernst Blochs kann eine Utopie nur aus dem Wissen um die Vergangenheit entstehen.

Menasse appelliert daher an ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein. Einstmals wetterte er in seiner „Trilogie der Entgeisterung“ gegen den Relativismus der Postmoderne, heute gegen jenen der seelenlosen Pragmatiker eines supranationalen Gebildes, das dringend einen Entwurf bräuchte. Gut so!

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