Auf dem Störsender

85 Jahre ist er alt und nach wie vor sehr neugierig: Der Kabarettist Dieter Hildebrandt plant jetzt eine Sendung im Internet, mit prominenten Unterstützern. Im März 2013 soll der "Störsender" dann online sein.

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"Wohin mit meiner Wut?", fragt sich Dieter Hildebrandt. Die Antwort ist sein neuer "Störsender". Foto: Martin Kalb

160 Abende im Jahr ist Dieter Hildebrandt unterwegs mit Programmen und Lesungen. Doch der 85 Jahre alte einstige "Scheibenwischer"-Kabarettist fragt sich: "Wohin mit meiner Wut in der restlichen Zeit?"

Wie gut, dass ganz in der Nachbarschaft in Hildebrandts Wohnort, dem Münchner Stadtteil Waldperlach, auch der Karikaturist Dieter Hanitzsch lebt, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung zeichnet. Und dass dessen umtriebiger Sohn Stefan Hanitzsch das Internet-Programm "stoersender-tv" entwickelt. Nun ist Hildebrandt das Zugpferd des Projekts, das auch in einer Matinee in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft vorgestellt wurde.

"Wir sind das menschliche Verdummungspotenzial und werden uns immer wieder ganz spontan aufregen", erklärt Hildebrandt. "Auf diesem Fernsehkanal können Verrückte Dampf ablassen." Und zwar ohne Redaktionen, Produktionsteams und Vorgesetzte, wie das bei den großen Sendern üblich ist. Gedreht werde mit einer kleinen Kamera - im Arbeitszimmer des 79-jährigen Zeichners Hanitzsch. Ein zorniger Alter trifft den anderen.

Störsender-Macher Stefan Hanitzsch tritt im T-Shirt mit rotem Stern auf der Brust auf und meint, das Projekt solle eine "Plattform sein für Störereien". Ein Angebot an "alle Menschen, die das Denken noch nicht eingestellt haben". Und ein Sender mit einem hauseigenen Zeichner, eben seinem Vater.

Der zeigt dann gleich eine neue bitterböse Karikatur zum Fall des Psychiatrie-Insassen Gustl Mollath, die eine Zeitung wohl kaum drucken würde. Mollath liegt da auf der Streckbank der bayerischen Inquisition, umgeben von Gestalten mit schwarzen Kutten über dem Kopf: "Wenn Sie zugeben, dass Sie verrückt sind, dann hören wir damit auf." Und auch den von Hanitzsch junior in einem kurzen Clip eingeführten neuen CDU-Generalsekretär würde wohl kein öffentlich-rechtlicher Sender zeigen: Ein nordkoreanischer Militär gibt mit schrill-übersteuerter Stimme Kommandos ab, unterlegt mit deutschen Untertiteln. "Es gruselt uns vor nichts", sagt Hanitzsch, "wir haben keine Hemmungen".

Unterstützung wurde dem Störsender schon aus der halben ersten Liga der politischen Kabarettisten und Texter zugesichert, die nicht unter der Berufsbezeichnung "Comedian" laufen: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig macht mit, Gerhard Polt, Konstantin Wecker und der Literat Roger Willemsen. In die Präsentation wird Urban Priol per Handy zugeschaltet, der sagt: "Wenn ich irgendwas machen kann, dann bin ich dabei."

Bis der Störsender aber im März 2013 voll auf Sendung geht, müssen noch als Finanzierung etwa 80 000 Euro auf einem gemeinnützigen Treuhandkonto eingehen. Beteiligen kann sich jeder, das Geld soll mittels "crowdfunding" eingesammelt werden - also mit "Schwarmfinanzierung", ab fünf Euro pro Unterstützer. Geplant sind erst einmal 20 möglichst aktuelle Sendungen von je 30 Minuten Länge.

Hildebrandt schwärmt unterdessen: "Freu Dich, deutsches Muttiland" und zitiert: "Wie rasch altern doch die Leute in der SPD". Aus der Zeitschrift Weltbühne, 1932. Er selbst ist froh, nicht mehr allein auf der Bühne zu stehen. "Ein Ensemble hat mir die ganze Zeit gefehlt."

Info www.startnext.de/stoersender

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