, URL: http://www.swp.de/ulm/nachrichten/kultur/art4308,263340
 
 
SCHLIESSEN
DRUCKEN
Autor: PETRA KOLLROS | 21.11.2009
 

Zwischen Schaulust und Tabu

Memmingen.  Eher eigenwillig als ranschmeißerisch ist das Konzept, sind die Präsentationen der MEWO-Kunsthalle in Memmingen. Jetzt wird in ungeheurer Fülle ein "Tanz mit dem Totentanz" veranstaltet.


Ein Luftballett der Skelette und Fotos der Mumien von Palermo begrüßen die Ausstellungsbesucher. Museumsfoto

Der Lichthof, sagt Joseph Kiermeier-Debre, sei bei jeder Ausstellung wieder eine besondere Herausforderung. Jetzt tummeln sich dort, tanzend und musizierend, 30 lebensgroße Skelette als Mobile in der luftigen Höhe des repräsentativen Raumes. Emporblicken muss der Besucher auch auf Großaufnahmen von Mumien aus der berühmten Kapuzinergruft in Palermo, auf Augenhöhe hingegen begegnen ihm expressiv-abstrahierte "Totentanz"-Blätter, die der Kölner Künstler Peter Gilles mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Ein skurril anmutender, mit der Schaulust aufs Schaurige spielender Empfang in der Ausstellung "Everybody - Tanz mit dem Totentanz" in der MEWO-Kunsthalle Memmingen, die freilich im weiteren Verlauf keine Geisterbahn-Assoziationen mehr weckt, vielmehr eine ganze Palette von Empfindungen. Dass nicht nur das Traditionsthema der Kunstgeschichte "Totentanz" behandelt wird, die allegorische Darstellung vom Triumph des Todes über unterschiedslos alle Menschenkinder, sondern die künstlerischen Gedanken hier besonders um den Körper, den toten Körper, kreisen, sieht man gleich beim Blick über den riesigen Erdhaufen mitten im Entrée hinweg.

Da liegt, auf schwarzem Tisch, eine fein bekleidete Leiche. In einer hyperrealistischen Nachbildung des eigenen Körpers zeigt sich die amerikanische Künstlerin Christiana Glidden als eine Art Schneewittchen, dessen Schönheit den Tod überdauert. Der großformatige "Totentanz"-Bilderreigen des Ulmer Malers Bertram Bartl, der in den 90er Jahren das alte Thema mit Hilfe neuer Digialtechnik angegangen ist, weiß es freilich besser.

MEWO-Kunsthalle Memmingen? In der Tat betreibt die Stadt im ehemaligen königlichen Postgebäude, direkt neben dem Bahnhof gelegen, seit vier Jahren ein Ausstellungshaus. Genauer gesagt hat die MEWO, die Memminger Wohnungsbau-Genossenschaft, das klassizistische Gebäude von Grund auf saniert, für Ausstellungszwecke ausgestattet und der Stadt für vorläufig zwölf Jahre mietfrei zur Verfügung gestellt. Und der Literaturwissenschaftler und Kunstgeschichtler Joseph Kiermeier-Debre treibt es um. Beim großen Publikum hat die Memminger Kunsthalle noch keinen durchschlagenden Bekanntheitsgrad. Kiermeier-Debre strebt nicht das Gängige, sondern das Ungewöhnliche an. Aktuelle Kunst aus China (der Fotograf Wang Qingsong) und die (homoerotisch inspirierte) frühe Aktfotografie des Wilhelm von Gloeden wurden zuletzt auf den drei Ausstellungsebenen der Kunsthalle präsentiert. Zwischen 5000 und 7000 Besucher werden bisher jeweils erreicht. Damit rechnet der Kurator, der sich mit dem Thema Tod seit vielen Jahren immer wieder beschäftigt hat, auch jetzt, da es - ungemein breit angelegt - um die letzten Dinge geht.

Es sind zwei Ausstellungen, die inszenatorisch gelungen miteinander verquickt sind. So kommen an die 65 Künstlernamen zusammen. Im Zentrum steht ein Projekt des Kölner Sammlers Hartmut Kraft, für den 25 internationale Künstlerinnen und Künstler von heute je ein Faksimilebuch der mittelalterlichen Totentanzbilder Bernd Notkes aus der Marienkirche Lübeck überarbeiteten - da wurde übermalt, verpackt, neu entworfen, zeichenhaft kommentiert. Schon dies ist mit beigruppierten Totentanz-Blättern von Künstlergrößen wie Holbein d. J., Klinger, Kubin, Barlach, Grieshaber und einer Ausdrucksspannweite vom Makabren bis zum Spirituellen den Besuch wert. Doch drumherum und darüberhinaus begegnet uns, was nach dem Sterben übrig bleibt, "Everybody" eben.

Neben Installationen - sehr fremdartig und doch anziehend die menschlichen Plazenten, die Micha Brendel als "Planeten" weiterleben lässt - ist insbesondere Fotokunst stark im Einsatz, wenn das Tabu Leiche angegangen wird. Während die Fotografinnen Claudia Reinhardt, die "Todesarten" von prominenten Selbstmörderinnen nachgestellt hat, und Izima Kaoru, die ein japanisches Model in Designerkleidung die Tote spielen lässt, einen Anblick, der schrecklich sein könnte, ästhetisch kunstvoll inszenieren, zeigen die Schwarz-Weiß-Bilder des bekannten Porträtfotografen Walter Schels wirkliche Tote. In Seelenruhe. Noch eine Vielzahl weiterer Fotos tut das auch, zum Teil im Schutzraum von Schubfächern. Den sollte man ihnen gönnen - flüstert das Tabu.

 
Copyright by SÜDWEST PRESSE Online-Dienste GmbH - Frauenstrasse 77 - 89073 Ulm

 
 
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung/td>