Als wärs ein Stück von uns

Ludwig Uhland war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein populärer Poet. Danach schwand seine Bekanntheit. Zum 150. Todestag erinnert eine Ausstellung in Tübingen an den Dichter, Politiker und Forscher.

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  • Christoph Friedrich Dörr malte dieses "Bildnis Ludwig Uhlands" um 1810. Foto: DLA Marbach 1/2
    Christoph Friedrich Dörr malte dieses "Bildnis Ludwig Uhlands" um 1810. Foto: DLA Marbach
  • Uhland vor der Paulskirche im "Simplicissimus". Foto: Stadtmuseum 2/2
    Uhland vor der Paulskirche im "Simplicissimus". Foto: Stadtmuseum
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Erinnerungszeichen an Ludwig Uhland gibt es viele in Tübingen. Am Anlagensee, in der Uhlandstraße, steht ein Standbild des schwäbischen Dichters. Das hat das "dankbare Vaterland", so die Inschrift, 1873 "dem Dichter, dem Forscher, dem deutschen Mann" gewidmet. Aufmerksame Passanten finden sein Konterfei an der Fassade des Rathauses und am Bonatz-Bau der Unibibliothek, dort in Gesellschaft von Homer, Luther, Platon und Leonardo da Vinci. Man kann zum Geburtshaus in der Neckarhalde 24 wandeln und zum großväterlichen Haus in der Hafengasse 3. Tübingen ist Uhlandstadt - man wird, wenn man sucht, auch eine Uhlandschule, ein Uhlandbad, einen Uhlandsaal und ein Ludwig-Uhland-Institut (LUI) finden.

Wer am LUI angelangt ist, oben am Schloss, steht am Anfang des Uhland-Liederwegs, der über den Spitzberg zur Wurmlinger Kapelle führt, jener Kapelle, über die Uhland eines seiner bekanntesten Gedichte geschrieben hat, in dem er das Widerspiel von Leben und Vergänglichkeit so meisterhaft schilderte. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Genius loci zu begegnen, aber diese ist die schönste: Beim Wandern auf dem Höhenzug zwischen Neckar und Ammer lässt es sich verweilen vor Tafeln mit den vertonten Gedichten des Meisters und mit den Noten zum Nachsingen. Statt Tauben im Park zu vergiften geht man am Spitzberg Uhland wiederentdecken.

Uhlands Werk ist im nationalen Gedächtnis verankert, mit Versen, die zum Allgemeingut geworden sind. Jeder hat sie parat. Wer kennt nicht "Viel Steine gabs und wenig Brot", "Der wackre Schwabe forcht sich nit" und "Nun muss sich Alles, Alles wenden"? Oder: "Ich bin allein auf weiter Flur" und "Singe, wem Gesang gegeben?" Alles Uhland.

Doch wer kann diese Worte noch auf ihn beziehen? Bei vielen steckt Uhland im Kopf, ohne dass sie es wissen. Der Name ist vergessen. Zumindest außerhalb Schwabens sei er "weitgehend abgeschrieben"", urteilte der Tübinger Dichterhäuser-Beschreiber Helmut Hornbogen. "Noch kaum hat ein gefeierter Dichter, eine Person des öffentlichen Interesses, eine nationale Identifikationsfigur einen solchen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen", bedauern die Herausgeber des Katalogs zur aktuellen Uhland-Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum. Doch dass Uhland in Vergessenheit geraten ist, hat wenig mit der Qualität seines Werks zu tun.

Die Ausstellung im Stadtmuseum zum 150. Todestag Uhlands beschreibt ihn als feinsinnigen Lyriker, als aufrechten 1848er-Demokraten, als peniblen Wissenschaftler, als Mann mit Marotten. Die Stimme des Dichters wurde leiser, je mehr er sich der Politik verschrieb. "Der geniale Uhland ist nur der ganz junge Uhland", fand Hans Mayer. Goethe bemerkte, wohl auch auf ihn gemünzt: "Sowie ein Dichter politisch wirken will, muss er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren."

Uhland saß schon mit 28 im Landtag, seine weitere politische Karriere führte ihn 1848 in die Nationalversammlung. Er setzte sich für einen Nationalstaat auf demokratischer Grundlage ein. Wer das damals forderte, war ein Linksradikaler. Uhland erwies sich als Mann von festen Prinzipien. 1853 lehnte er den Orden Pour le Mérite ab, weil der preußische König Freunde von ihm politisch verfolgt hatte.

Uhland war ein Mann des geschriebenen Wortes, nicht der freien Rede. Für seine Auftritte im Parlament stützte er sich auf ausformulierte Manuskripte. Selbst im privaten Umgang machte er sich Notizen, bevor er sich äußerte. Dieses Verhalten nahm kuriose Züge an. Das Literaturarchiv in Marbach bewahrt einen Aufschrieb, den sich Uhland für eine Standpauke für seine Magd zurechtlegte. Als junger Mann schrieb der Romantiker Uhland "Strophen von berückender Simplizität", wie der Tübinger Germanist Georg Braungart sagt, Verse, die daherkommen, als entstammten sie unmittelbar dem Volksmund. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald hat diese Gattung als "eine artistische Konstruktion des Volkstones" bezeichnet. Die Raffinesse der Texte erschließt sich erst beim näheren Hinsehen.

Die Wirkung von Uhland macht am stärksten sein Soldatenlied "Der gute Kamerad" deutlich. Er dichtete es mit 22 Jahren, unter dem Eindruck des Freiheitskriegs gegen Napoleon. Friedrich Silcher verlieh der Weise eine eingängige Melodie, geborgt aus der Schweiz. Das Lied von Freundestreue und Kriegerleid wird bei militärischen Trauerfeiern gespielt, auch im Ausland. Marcel Reich-Ranicki nahm es in seinen Kanon deutscher Literatur auf. Carl Zuckmayer verwendete die Zeile "Als wärs ein Stück von mir" als Titel seiner Autobiografie. Dieses Lied litt, weil es politisch instrumentalisiert wurde. Und scheint trotzdem unverzichtbar. Der Autor Kurt Oesterle nannte den Guten Kameraden "die heimliche deutsche Hymne".

Jeder kennt es, dieses Lied. Aber nur wenige wissen den Namen seines Urhebers. Uhland ist vergessen, aber er steckt in den Köpfen.

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