Stadtgeschichte: Als in Ulm die Türme fielen

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  • Der Neutorturm stand bis 1860. Erst dann wurde er abgebrochen, weil er dem Verkehr im Weg stand. Die Gegner des Abbruchs hatten sich nicht durchsetzen können. 1/2
    Der Neutorturm stand bis 1860. Erst dann wurde er abgebrochen, weil er dem Verkehr im Weg stand. Die Gegner des Abbruchs hatten sich nicht durchsetzen können. Foto: 
  • Der Sendener Autor Martin Nestler.
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    Der Sendener Autor Martin Nestler. Foto: Privat Foto: 
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Da nunmehr keine Hoffnung mehr vorhanden ist, daß der Gänsthurm zu Gefängnissen von dem Königlichen Cameralamt werde übernommen werden, so wurde heute resolviert, diesen Thurm auf Abbruch zu veraccordieren.“

Das Ende des Gänsturms schien besiegelt mit diesem Schreiben des Stadtschultheißenamtes aus dem Jahr 1814. Doch die Umsetzung verzögerte sich wegen der Kostenfrage. Und so wurde der Turm, der 1796 von österreichischen Truppen in Brand gesetzt worden und seither seines Daches beraubt war, renoviert. Von 1838 an diente er dem Oberamt als Gefängnis – gegen eine Miete von 40 Gulden pro Jahr.

Dieser Vorgang ist einer von vielen im Ulm des 19. Jahrhunderts, die der Historiker Martin Nestler in sein neues Buch „Ulm erzählt“ hat einfließen lassen. Der allgemein gehaltene Titel verspricht weniger als das lesenswerte Buch bietet: Originaltöne aus der damaligen Zeit, zitiert aus den Aktenbeständen des Ulmer Stadtarchivs und des Hauptstaatsarchivs Stuttgart sowie der damaligen Zeitungen.

Der Denkmalschutz erwacht

Der Autor hat keine systematische Lokalgeschichte des 19. Jahrhunderts beabsichtigt. Er hat atmosphärisch dichte „Historische Streifzüge“ – so der Untertitel – durch Ulm unternommen, quer durch die sozialen Schichten und quer durch die Themen. Ein wesentliches davon ist die Bausubstanz der Stadt, ihre Veränderung – und ihre Bewahrung.

Denn nicht nur dem Gänsturm drohte der Abbruch, sondern ebenso dem Metzgerturm. Auch ihn retteten der Kostenaspekt sowie die Möglichkeit, ihn als Gefängnis zu vermieten. Sogar das Rathaus, das in einem äußerst desolaten Zustand war, hätte abgerissen werden sollen, wäre es nach einigen Pragmatikern gegangen.

Doch das 19. Jahrhundert war eben auch die Zeit, als der Denkmalschutz erwachte und sich engagierte Bürger für die Bewahrung des historischen Stadtbildes stark machten. Allerdings mit begrenztem Erfolg. Um die Straßen für den wachsenden Verkehr zu ertüchtigen, wurden die alten Stadttore abgebrochen: das Herdbruckertor, das Frauentor, das Glöcklertor und schließlich auch das Neutor.

Doch Stadt ist nicht nur Stein, sondern auch Leben – menschliches wie tierisches: „Das freie Herumlaufen der Hühner oder anderen Federviehs, desgleichen der Kälber, Schweine, Geißen und anderen dergleichen Viehs auf den öffentlichen Straßen ist verboten“, heißt es in einer der Polizeiverordnungen, die in ihrem trockenen Amtsdeutsch den Blick in das pralle Menschenleben eröffnen.

So besagt Paragraph 32: „Das Ausschütten des Nachtwassers ist insbesondere bei Strafe von 10 Gulden verboten, und bleibt es außerdem dem Beschädigten in jedem Falle vorbehalten, wegen des ihm zugefügten Schadens auf Ersatz desselben zu klagen.“

Anonyme Beschwerden über das Wäschetrocknen auf der Stadtmauer und auf dem Münsterplatz bekümmerten wohl eher diejenigen, die keine größeren Sorgen hatten. Doch auch das soziale Elend und die weitgehend rechtlose Stellung der Unterprivilegierten beleuchtet Nestler auf seinen Streifzügen. Dazu gehörten die weiblichen Dienstboten.

Sie kamen meist von auswärts, um eine Anstellung zu suchen. Doch bis sie die gefunden hatten, wussten sie oft nicht, wo sie übernachten sollten, zumal ihnen das Geld dafür fehlte. Einem Bürger, der deswegen eine Herberge für diese Frauen eröffnen wollte, verweigerte der Gemeinderat jedoch die Genehmigung.

Hatten sie dann eine Arbeit gefunden, mussten sie ihren Dienst „redlich, fleißig und aufmerksam und mit Geschick bei Tag und Nacht unverdrossen nach dem Willen der Dienstherrschaft und so viel möglich zu deren Nutzen besorgen“.

Nicht selten wurde ein lediges Dienstmädchen schwanger. In diesem Fall war auch der Arbeitgeber verpflichtet, „bei unfehlbarer Ahndung im Unterlassungsfalle, der Ortsobrigkeit davon die Anzeige zu machen“. Dieselbe Verpflichtung galt für die Hebammen und die Gemeindediener. Und so wurden 1863 „125 hier in Diensten und in Arbeit stehende fremde Weibspersonen“ wegen Schwangerschaft angezeigt. Eine heiratete noch vor der Niederkunft, 49 konnten bis zur Entbindung in Ulm bleiben und 75 wurden ausgewiesen.

Die sozialen Unterschiede bei den Männern zeigen sich unter anderen in den Szenen aus der Garnison. Nachdem die Bundesfestung vollendet und Arbeitsplatz für die Soldaten geworden war, setzten die Schwefeldämpfe der Steinkohle-Heizungen in den Wachstuben der Mannschaft erheblich zu.

Ganz andere Sorgen hatten hingegen die höheren Ränge: Beim Fasching im Stadttheater gerieten ein Leutnant und ein Ulmer Kaufmann aneinander, wohl wegen einer Frau. Sie trafen sich am nächsten Morgen in Böfingen zum Duell. Der Leutnant starb, der Kaufmann floh.

Der Autor Martin Nestler, Jahrgang 1965, lebt in Senden. Den Zugang zur Ulmer Geschichte haben ihm die Grabungen im Ulmer Stadtkern vermittelt, an denen er 1993 als Student der Archäologie und der Geschichte teilnahm. Im Sutton-Verlag hat er bereits zwei Bücher veröffentlicht, eine kurze Stadtgeschichte und eines über Conrad Diet­rich Magirus.

Das Buch Martin Nestler: Ulm erzählt. Historische Streifzüge. 128 S. mit Fotos. Sutton-Verlag, 19.99 Euro.

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