Als im Ländle die Pop-Revolution stattfand

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In diesem Frühjahr haben sich Black Sabbath mit einer triumphalen Tournee von ihren Fans verabschiedet. Ihr erstes Deutschlandkonzert gaben sie am 20. Dezember 1969 – in der Schorndorfer Manufaktur. Auftritte in Göppingen und Schwäbisch Hall folgten. Die schwäbische Provinz galt auch damals nicht als Nabel der Untergrund-­Musik. Dennoch: „Da tat sich was. Das war eine Graswurzelbewegung.“ Der das sagt, ist der erste grüne Ministerpräsident, Winfried Kretschmann. Und das tat er am Montag bei der Vorstellung eines Buches über die Subkultur der späten 60er und frühen 70er im Stuttgarter Theaterhaus.

„Träume aus dem Untergrund“ heißt es, und geschrieben hat es Christoph Wagner, ein alter Freund Kretschmanns. Er hat erstaunlich gut recherchiert, viele Zeitdokumente zusammengetragen, um ein Phänomen zu beschreiben, das es so nicht nur in Baden-Württemberg gegeben hat. Im Südwesten hat es sich aber außerhalb der Großstädte abgespielt. Nicht in Stuttgart oder Mannheim tanzte damals der Bär, sondern in der Provinz: in Ravensburg, Germersheim oder eben in Schorndorf.

Dort machten junge Menschen gegen den Mief der Nachkriegszeit mobil, dort eröffneten Jugendzentren, Clubs, alternative Konzertorte wie etwa die Manufaktur in Schorndorf, die einer mit umtrieb, der heute das Theaterhaus Stuttgart leitet: Werner Schretzmeier.

„Rebellion war damals einfach. Die Politik? Das war damals im ganzen Land nur die CDU. Die konnte man ganz einfach provozieren, die haben auf alles immer sofort mit Empörung reagiert.“ Und das machte Schretzmeier und seinen Freunden Spaß. „Jeder hatte das Gefühl, er sei Teil von etwas Neuem.“ Da wurden Freiheiten geprobt, Grenzen ausgelotet. „Da wurde um Zentimeter gefochten, bei den jungen Männern ging’s um die Haarlänge, bei den Frauen um die Rocklänge“, erzählt Schretzmeier.

Mit der Musik war es ähnlich. „Negermusik“ habe sein Vater den Rock genannt, erinnert sich Kretschmann. Musik war also auch politisch, spätestens als Liedermacher Walter Mossmann den Soundtrack zu den Anti-AKW-Demonstrationen in Wyhl lieferte, die irgendwie auch ein Grundstein für einen ersten grünen Ministerpräsidenten waren.

Kultur wird unterschätzt

Der ist heute sicher, dass Kultur in der Politik weidlich unterschätzt wird. „Wir wollen alles rational und sozial erklären. Aber das Aufkommen der AfD hat nicht nur soziale Gründe. Da mangelt es auch an Kultur.“

Kretschmann taucht auch in Wagners Buch auf. Auf Seite 38 ist er mit Musikern der Riedlinger Band Powerplay zu sehen. „Ich war da nur ein Mitläufer“, sagt der Politiker. Das feuchtfröhliche Bild sei auch nicht nach einem Konzert entstanden, sondern nach einer KBW-Demo. Apropos feucht-fröhlich: Da kann Schretzmeier aus dem Nähkästchen plaudern, etwa von Black Sabbath. Die waren damals noch ganz unbekannt, hatten kein Geld und wohnten drei Tage lang bei Schretzmeier. An einem Abend kamen die Kommunarden und Bürgerschrecks Rainer Langhans und Uschi Obermaier vorbei. „Und so unglaublich das klingt: Die waren an diesem Abend die Konventionellsten und staunten nicht schlecht, was diese Jungs aus England so synchron zu sich nehmen konnten: Bier und lustige Zigaretten.“

Schretzmeier frönte seiner Lust an der Provokation auch, als er zu Beginn der 70er für den Südwestrundfunk Filme mit Popgruppen produzierte: Er schickte Pink Floyd in eine Autowaschstraße, ließ Humble Pie Särge durch die Stuttgarter Fußgängerzone ziehen. Und die Musiker machten alles mit. „Zuhause bei der BBC stellte man sie nur ins Studio, wo sie sich zur Musik vom Band bewegten. Bei uns hatten sie Spaß.“ Und enttäuschten auch Klischees. Wie etwa Deep Purple, die eines frühen Morgens im Stuttgarter Jazzclub Atlantic den dort noch verbliebenen Jazzfans demonstrierten, dass auch langhaarige Rockmusiker Standards draufhaben.

Autor Christoph Wagner ist 1956 in Balingen geboren, saß dort Anfang der 1990er für die Grünen im Gemeinderat. Er lebt seit 25 Jahren als freier Musikjournalist in Hebden Bridge in West-Yorkshire.

Buch „Träume aus dem Untergrund“. Silberburg Verlag, 180 Seiten, 144 Abbildungen, 24.90 Euro.

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