Alle wollen Anna sehen

Wenn Anna die Große in Salzburg singt, sind alle aus dem Häuschen. Um Netrebko zu sehen, strömten 5000 zum Public Viewing auf den Kapitelplatz. Tosenden Beifall erntete sie auch im Festspielhaus.

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Anna Netrebko interpretiert die "Mimi" in Salzburg zwischen sensibler Poetin und Softpunkgirl. Foto: Imago

Kaum zu glauben, aber Puccinis "La Bohème" hat es noch nie bei den Festspielen gegeben. Auf das Niveau eines derartigen Schmachtfetzens wollte sich das Salzburger Edelfestival bisher nie herablassen. Alexander Pereira, der neue Intendant, scheut das Populäre nicht - noch dazu, wenn er dabei das aktuelle Traumpaar der Szene einsetzen kann: Anna Netrebko und den polnischen Weltklasse-Tenor Piotr Beczala. Da strömen die Opernfreunde nicht nur ins Festpielhaus sondern auch zu tausenden zum Public Viewing auf den Kapitelplatz.

Die Mimi in Puccinis Opern-Rührstück gilt als Netrebkos Paraderolle. Auch in Salzburg bringt sie die lyrischen Stärken ihrer Stimme bestens zur Geltung. Ihre Mimi hat eine Ader fürs Poetische, was sie in zagem Pianissimo und mit leuchtenden Höhen bekräftigt, ist aber zugleich ein lebenslustiges Softpunkgirl, das tattoobewehrt in Lederjacke auf dem Boden lümmelt und mit Freunden um die Häuser zieht.

Die Regie von Damiano Michieletto mag mit Blick auf den Medien-Hype und die Live-Übertragung gefällig anmuten. Aber bei näherem Hinsehen gelingt es ihm in einprägsamen, doch leicht verfremdeten Bildern ganz passabel, den Schluchz-Schmarren über die Pariser Bohème-Szene anno 1830 ins Heute zu verpflanzen, übrigens relativ kitschfrei und dicht am Original.

Entsprechend unmöbliert und vermüllt wirkt die Künstler-WG mit Mimis Freunden: Matratzen, Kocher, Heizstrahler, viel mehr brauchts nicht. Wenn Netrebkos Mimi und Piotr Beczalas Rodolfo ihr erstes Liebesduett schmachten, tun sie dies mit Seele, stimmlich glanzvoll und hoch oben, auf einem schmalen Luftsteg, der über den ärmlichen Habseligkeiten ihres realen Lebens schwebt. Das Bühnenbild (Paolo Fantin) spielt mit Märchen- und Fantasy-Elementen: Wir blicken auf ein Riesen-Fenster, das sich später öffnet und den Blick auf einen gigantischen Paris-Stadtplan "Edition 2012" freigibt, mit Papphäusern, auf denen man sitzen kann, und auf eine trostlos graue, verschneite Straßenwüste mit Imbissbude und surreal verformter Stadtautobahn. Parpignol, der Spielwarenhändler, schwebt als Superman vom Bühnenhimmel herab, und die Musikkapelle auf dem Weihnachtsmarkt sieht in verrückten Glitzerlämpchen-Kostümen wie eine groteske Spielzeug-Band aus.

Doch das tragische Ende naht. Das zieht die Regie ohne Sentimental-Sülze und dennoch herzergreifend durch. Netrebko verzichtet auf das rollenübliche, todesumflorte Hüsteln: Ihrer Mimi, nun in schief geknöpfter Strickjacke, geht es auch so sichtlich sterbensschlecht. Ihr Gesang gleicht, zwischen grandiosen Aufschwüngen in träumerisch befreite Höhen, immer schwächer werdenden SOS-Zeichen. Ein auch darstellerisch berührendes Rollenporträt.

Daniele Gatti am Pult der Wiener Philharmoniker geht das Ganze in sportivem Tempo an. Seine schmissige Puccini-Sicht entfaltet Schmelz und aufrauschenden Orchesterzauber. Solide und festspielwürdig: das Ensemble, aus dem neben Beczala als überfordertem, egomanem Lover mit glühendem Tenor vor allem Nino Machaidze als stimmgewaltige Musette herausragt.

Eine Prachts-"Bohème", sicher - und trotz des Themas Armut ein wahres Ausstattungsfest in der bonbonbunt prunkenden Weihnachtsmarkt-Massenszene. Doch auch diese fantasymäßig aufgehübschte Inszenierung geht in der schnörkellos erzählten Sterbeszene ans Herz.

So gesehen, also doch ein Rührstück? Aber klar! Am Ende, wenn sich das riesige Fenster wieder schließt, schreibt eine überlebensgroße Geisterhand "Mimi" auf die beschlagenen Scheiben. Da prangt der Name kurz wie eine Mahnung. Bis die Gespensterhand ihn wieder verwischt.

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