Alice Munro übermittelt Rede zum Literaturnobelpreis per Video

Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro sitzt daheim in Kanada und erzählt vom Schreiben, vom Leben: Ihre Nobelvorlesung kam per Video.

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Ihr Gesundheitszustand ließ die Reise nicht zu: Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro dankte von zuhause aus.  Foto: 

Drei Tage vor der Verleihung der Nobelpreise hat die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro in einem zuvor aufgezeichneten Gespräch über ihr Leben und Werk gesprochen. "Ich möchte, dass meine Geschichten Menschen bewegen", sagte sie in dem Video, das am Samstag als Ersatz für die traditionelle Nobelvorlesung bei der Schwedischen Akademie in Stockholm gezeigt wurde. "Es ist mir egal, ob das Männer oder Frauen oder Kinder sind. Ich möchte, dass meine Geschichten etwas über das Leben erzählen."

Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als der Auftritt des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan in der "Nobelwoche" große Empörung ausgelöst hatte, erregte das Interview mit Munro kaum mediale Aufmerksamkeit. Sie schätze, sie sei kein politischer Mensch, sagte Munro in dem Video, das sie seelenruhig und mit einem milden Lächeln auf dem Gesicht in ihrem Zuhause in Ontario, Kanada, zeigte. Mo Yan hatte 2012 kurz nach seiner Ankunft zur Preisverleihung in Stockholm unter anderem die Zensur in seiner Heimat indirekt verteidigt und sich geweigert, sich einer Initiative von 134 Nobelpreisträgern zur Freilassung des inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo anzuschließen. Die Kritik an dem Nobelpreis für ihn nannte er "Dreckwasser". Der Preis für Munro fand dagegen in diesem Jahr breite Zustimmung.

"Ich will, dass Leute meine Bücher genießen, dass sie sie auf eine Weise als mit ihren eigenen Leben verbunden betrachten", sagt die 82-Jährige im Video. Auch wenn sie sich nicht so bezeichnet hätte, sei sie wohl eine frühe Feministin gewesen - "weil ich tatsächlich in einem Teil Kanadas groß geworden bin, in dem Frauen leichter schreiben konnten als Männer". Die hochdekorierte Autorin, deren Kurzgeschichten fast immer von Frauen im kanadischen Ontario handeln, konnte nicht zur Nobelwoche nach Schweden kommen, weil die Anreise für die gesundheitlich angeschlagene 82-Jährige zu anstrengend gewesen wäre. Auch frühere Preisträger wie Elfriede Jelinek oder Harold Pinter hatten die Verleihung wegen Krankheit verpasst und ihre Rede per Video überbracht. Den Preis nimmt Munros Tochter Jenny am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, entgegen.

Dass sie gewinnen könnte, hätte sie nie gedacht, erklärte Munro im Videogespräch, auch wenn sie nichts auf der Welt so glücklich machen könnte. Auch sonst gab sich die "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte" bescheiden. Über ihre frühen Werke sagte die Kanadierin: "Als ich jung war, habe ich sie alle weggeworfen." Die Zweifel hätten sich durch ihre Zwanziger gezogen. "Aber ich war immer noch dabei zu lernen, so zu schreiben, wie ich das wollte." Inspiriert habe sie die Geschichte "Die kleine Meerjungfrau" des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Das traurige Ende habe sie so bedrückt, dass sie sich ein Happy End ausgedacht habe, erzählte Munro.

Ihre alten Geschichten sehe sie sich heute nicht mehr an. "Davor habe ich Angst! (. . .) Dann würde ich wahrscheinlich ein ungeheures Bedürfnis haben, hier noch ein bisschen etwas zu verändern und da noch ein bisschen. Ich habe das sogar in bestimmten Exemplaren meiner Bücher gemacht, die ich aus dem Schrank geholt habe, aber dann habe ich realisiert, dass es egal ist, ob ich sie verändere, weil sie dort draußen nicht verändert sind." In Deutschland ist in dieser Woche das neue Buch Munros erschienen - "Liebes Leben", das im Original "Dear Life" heißt.

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