Alexander Balanescu und sein für Ulm komponiertes Werk „Treibgut“

Pünktlich zum Probenbeginn war Alexander Balanescus Auftragswerk fürs 10. Donaufest fertig. Wir trafen den Komponisten zum Gespräch.

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Alexander Balanescu beim Gespräch im Ulmer Hacker-Pschorr-Wirtshaus.  Foto: 

Herr Balanescu, wenn Sie nicht gerade Ulm einen Arbeitsbesuch abstatten, woran arbeiten Sie derzeit?

ALEXANDER BALANESCU: Ich bereite eine neue Platte des Balanescu Quartets vor. Mein Rumänien-Abenteuer, das ich mit „Luminitza“ und „Maria T.“ zu Ehren der großen rumänischen Sängerin Maria Tanase begann, will ich vollenden, indem ich das Augenmerk auf George Enescu richte.

Warum wollen Sie den Geigenlehrer Yehudi Menuhins dem Weltpublikum von heute näherbringen?

BALANESCU: Er hat mich stark beeinflusst. Ich bewundere und liebe Enescu. Nach Mozart war er wahrscheinlich eins der größten musikalischen Genies. Ein großartiger Komponist, großartiger Geiger, sehr guter Pianist, sehr guter Dirigent und sehr guter Lehrer. Ein Allroundtalent, unglaublich. Ich habe ein Stück namens „Solid Jew“ übers Exil dieses Musikers geschrieben, den das Auswandern nicht davon abhielt, auf seine Wurzeln zu schauen. Derzeit arbeite ich an einem Stück, das eine Art Paraphrase seiner Rhapsodien werden soll. Das kommt auf das neue Album.

Wann erscheint die Platte?

BALANESCU:  Demnächst. Sie ist lange überfällig. Weil ich mir Zeit genommen hatte, um „Treibgut“ fürs Ulmer Donaufest zu schreiben, geriet ich mit dem Album ein wenig in Verzug.

Wie lange haben Sie an der Kommissionsarbeit fürs zehnjährige Bestehen des Donaufests gearbeitet?

BALANESCU: Ich glaube, alles in allem etwa neun Monate.

Sie haben in der Vergangenheit unter anderem mit John Lurie für Jim Jarmuschs Film „Stranger than Paradise“ und für Pina Bauschs Tanzcompagnie Musik geschrieben. Auch an „Treibgut“ sind Tänzer und Schauspieler beteiligt. Was reizt Sie an solchen Kooperationen?

BALANESCU: Ich liebe es, mit anderen Disziplinen wie Tanz oder Film zu arbeiten. Das fällt mir so viel leichter, als abstrakte Konzeptmusik zu schreiben. Da sitzt man dann erstmal vor einer leeren Seite und fängt an, an sich selbst zu zweifeln. So hingegen kann man sich inspirieren lassen von Bildern und Bewegungen. Das Donaufest-Projekt finde ich sehr spannend. Dahinter steckt wie bei meinem Enescu-Projekt die Rückbesinnung auf Wurzeln. Zudem hat das Stück mit Öffnung zu tun. Es ist so wichtig für Europa, dass sich die osteuropäischen Länder öffnen.

Wie kam der Auftrag fürs Donaufest zustande?

BALANESCU: Das geht auf den gegenseitigen Wunsch einer Zusammenarbeit zwischen mir und Roberto Scafati, dem Ballettchef des Theaters Ulm, zurück. Roberto hat mal gar nicht weit von Ulm ein Konzert des Balanescu Quartets gesehen, fand die Musik toll und wollte eine Choreografie dazu machen. Von diesem Punkt aus ist es eskaliert (lächelt).

Eskaliert inwiefern?

BALANESCU: Erst sagten wir, lass’ uns ein Tanzstück zusammen machen. Dann überlegten wir, Theaterelemente mit reinzunehmen. So wurde Operndirektor Matthias Kaiser involviert. Als nächstes: Wieso integrieren wir nicht das Quartett? Okay. Aber wir haben ja auch das Philharmonische Orchester und den Chor. Jaaa.?.?. (lacht). So ist es gewachsen. Dazu kam Volkmar Clauß’ kreativer Input. Der künstlerische Leiter des Donaufests in Sachen Hochkultur wünschte sich eine Kooperation des Theaters mit dem Donaufest. Deshalb kamen wir auf die Idee, ein Stück zu machen, das vom Fluss inspiriert ist. Wie die Donau bei Hochwasser schwoll das Projekt immer mehr an, ganz organisch. Mit der Donau, die nach Osten fließt, fühle ich mich sehr verbunden. Mit allem, was entlang ihres Laufs geschehen ist, den Konflikten, den Geschichten, der Historie.?.?.

 Auf und entlang der Donau bewegten sich im Lauf der Jahrhunderte ja zahlreiche Migranten.?.?.

BALANESCU: Ja, und das Thema ist jetzt wieder so dringlich. Toll, dass die Welturaufführung von „Treibgut“ in Deutschland stattfindet, denn Deutschland hat in der aktuellen Flüchtlingskrise die Zügel in die Hand genommen und sich an die Spitze all der Länder gestellt, die sich den Flüchtlingen aus Syrien und Afrika öffnen. Aber nicht ohne dafür einen Preis zu zahlen: das Erstarken der extremen Rechten im Osten. Die Gefahr besteht immer, dass sich Länder in einer Krise abriegeln. Die Musik zu „Flotsam“ ist genau das Gegenteil. Da geht es um Fusion, darum, die gemeinsame Geschichte zu verstehen und optimistisch in die Zukunft zu schauen. Ich hoffe, dass wir damit solch gefährlichen Tendenzen entgegenwirken können.

Aber die Donau fließt nicht nur. Immer wieder stauen den Fluss etwa hier bei Ulm Wehre auf, vor denen sich Treibgut sammelt.

BALANESCU: Strukturell ist auch die Performance zweigeteilt. In Massenszenen, die von Geschichte und Konflikten erzählen, und in Individuen, die mit ihren persönlichen Erzählungen dazwischen wie Treibgut im Fluss auftauchen.

Sie sind bekannt dafür, an ungewöhnlichen Orten zu spielen: in Fabriken oder bei der Ars Electronica in Linz am Donauufer. Wo werden wir „Treibgut“ sehen können?

BALANESCU: Im Theater. Das Orchester sitzt im Graben und das Quartett ist auf der Bühne. Da es sehr eng verbunden ist mit  Robertos Choreografie, werden wir auf einer nicht fixierten, beweglichen Plattform auf der Bühne agieren.

Dennoch  spielen Sie wie üblich im Stehen?

BALANESCU: Mit Gottes Hilfe, ja (lacht). Bis auf unseren Cellisten. Wir werden mit dem Fluss fließen und schwanken. Es ist schon eine Herausforderung.

Der Komponist und seine Uraufführung zum Donaufest

Vita Alexander Balanescu, geboren am 11. Juni 1954 in Bukarest, lebt in London. Mit sieben begann er Geige zu spielen. 1969 emigrierte seine Familie nach Israel, von 1971 bis 1975 studierte er in London und später an der Juilliard School in New York. Der Violinist, Komponist und langjährige Leiter der Michael Nyman-Band gründete 1987 sein eigenes Avantgarde-Streichquartett.

Termine Das 10. Internationale Donaufest Ulm/Neu-Ulm startet am 1. Juli, 19 Uhr, mit? der Uraufführung von Balanescus „Treibgut (Flotsam)“ im Großen Haus des Theaters als choreografisches Musiktheater unter anderem mit Tänzern aus allen Donauländern und den Gesangssolisten Maria Rosendorfsky und Thorsten Sigurdsson. Weitere Aufführungen: 3., 5., 7. und 8. Juli, jeweils 20 Uhr.

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