"Wir müssen Spaß haben"

Der Franzose Sylvain Cambreling hat an der Staatsoper Stuttgart das Amt des Generalmusikdirektors angetreten. Das Konventionelle ist dem international gefragten Dirigenten völlig fremd.

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Am Sonntag dirigiert Sylvain Cambreling in Stuttgarter sein Einstandskonzert. Foto: T. Urano

Nach vielen Jahren als Chefdirigent eines Rundfunkorchesters haben Sie jetzt das Amt eines Generalmusikdirektors an einem Musiktheater, an der Staatsoper Stuttgart, übernommen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

SYLVAIN CAMBRELING: Das hat natürlich viel mit der neuen Direktion in Stuttgart zu tun. Und die Staatsoper Stuttgart ist ein besonderes, bedeutendes Haus, ein Haus auch, in der mutiges Musiktheater und Experimente eine Tradition haben. Ich habe relativ schnell zugesagt, als Jossi Wieler mich fragte. Und mich reizt es, an einem Haus mit einem großen Repertoire zu arbeiten.

Welche Aufgaben übernimmt der Generalmusikdirektor im Team?

CAMBRELING: Ich fühle mich als Chef der Musik-Abteilung, der nicht nur die großen, schönen, eigenen Produktionen dirigiert, sondern sich um vieles kümmert: bis zur Probendisposition. Ich möchte auch viele Aufführungen der Kollegen besuchen. Das gehört zum Ensemblegeist. Die Leute wissen: Der Chef ist da, hat ein offenes Ohr.

Das ist ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern?

CAMBRELING: Ja, man muss die Leute kennen, mit ihnen sprechen. Wir erfinden in Stuttgart kein neues Modell, wie man eine Oper führt. Aber man muss es auch praktizieren! Es geht nicht, wenn der Dirigent erst in den letzten zwei Wochen vor der Premiere kommt. Ich probe eine Opernproduktion sieben Wochen und bin da, total, von Anfang an. Man kennt die Schwächen und Stärken des Ensembles, kann helfen. Es geht um Vertrauen. Und um den Spaß. Dieses Wort ist für mich besonders wichtig. Wir müssen Spaß haben an der Arbeit, sonst geht nichts.

Ihr Einstandskonzert am kommenden Sonntag steht unter dem Titel "Centennial" - vor 100 Jahre wurde das von Max Littmann gebaute Stuttgarter Opernhaus eröffnet. Was steht auf dem Programm?

CAMBRELING: Neben Beethovens "Leonoren"-Ouvertüre Nr. 3 noch Werke von Janácek, Webern und Ravel, die alle um 1912 herum komponiert worden sind. Dazu ein zeitgenössisches Stück von Mark Andre. Ich will das Publikum überraschen. Dieses erste Konzert mit dem Staatsorchester ist auch ein Signal.

Wollen Sie Ihre Zuhörer denn auch erziehen?

CAMBRELING: Das Publikum muss mir vertrauen, aber ich muss auch dem Publikum vertrauen. Man darf es nie unterschätzen. In Stuttgart schon gar nicht.

Als große Opernproduktion bringen sie "Der Schaum der Tage" von Edison Denisov heraus. Auch nicht gerade ein bekanntes Werk.

CAMBRELING: Eigentlich hätte ich als meine erste Premiere als Generalmusikdirektor in Stuttgart eine Uraufführung dirigieren wollen, aber das war nicht möglich, weil das Werk von Mark Andre noch nicht fertig war. So haben wir im Team lange überlegt und uns dann entschieden, einem modernen Werk eine zweite Chance zu geben. Die Uraufführung von "Der Schaum der Tage" nach dem Roman von Boris Vian war 1986 in Paris ein völliger Misserfolg - was aber nicht am Werk lag, sondern an der schlechten Produktion. Man hat das Stück nicht verstanden.

Was sind die Qualitäten dieser Oper des Russen Denisov?

CAMBRELING: Das Thema "Jazz" spielt eine große Rolle, Denisov zitiert auch Duke Ellington. Seine Musik ist eklektizistisch, parodistisch, dramatisch, surrealistisch. Und die Oper hat Humor.

Sie haben immens viele Werke in Ihrer Karriere dirigiert. Wie gehen Sie vor, studieren sie die Noten mit einem fotografischen Gedächtnis?

CAMBRELING: Ich analysiere die Partituren sehr genau, das dauert, Stunden um Stunden. Ein Klavier habe ich keines, nicht im Dirigentenzimmer, nicht zu Hause, es funktioniert auch so, weil ich das absolute Gehör besitze. Ich werde Ihnen etwas zeigen . . . (Cambreling holt aus dem Schrank eine riesenformatige Partitur) Das ist Mark Andres ". . . hij . . .", das ich im Einstandskonzert dirigiere. Ich markiere sehr viel, in verschiedenen Farben.

Das sieht wie ein grafisches Kunstwerk aus. Und die winzigen Noten!

CAMBRELING: Das kann man nicht so einfach lesen, ich arbeite mit einer Lupe. Während der Aufführung muss man die Partitur im Kopf präsent haben.

Welche Werke werden Sie für Ihr Publikum in den nächsten Spielzeiten noch entdecken?

CAMBRELING: Das geht in viele Richtungen. Im eigenen Haus, in der Staatsoper Stuttgart, gehe ich natürlich Risiko, es gibt schöne Projekte, Uraufführungen. Aber ich mache auch Verdi, Mozart - und Wagner, den "Tristan".

Gefragt sind Sie auch andernorts, wo liegen Ihre Schwerpunkte?

CAMBRELING: Natürlich kommt zuallererst Stuttgart. Dann habe ich auch ein Orchester in Tokio, das Yomiuri Nippon Symphony Orchestra. Eine Oper pro Jahr mache ich in Madrid. Und ich möchte regelmäßig mit dem Klangforum Wien arbeiten. Mehr Zeit habe ich nicht.

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