„Pique Dame“ an der Oper Stuttgart: Labyrinth des Verfalls

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Beeindruckend: Erin Caves und Rebecca von Lipinski als German und Lisa in „Pique Dame“.  Foto: 

Wohin das Auge reicht: nur Hinterhöfe, Treppen, versiffte Wände, angeranzte Hausfassaden. Ja, Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ – am Sonntag war Premiere in Stuttgart – findet fast durchweg im Hintertreppen-Milieu statt. In einer düsteren Zone des Verfalls.

Manches deutet darauf hin, dass es ein Petersburger Elendsviertel heutiger Tage sein könnte. Die Leute tragen Billigklamotten, irgendwo ist noch eine sinnlos gewordene, lädierte „24-Stunden“-Neonreklame zu erkennen. Wohl gemerkt, es könnte so sein. Denn das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito erzählt die auf Puschkin zurückgehende Geschichte der unglücklichen Liebe von German und Lisa eher fernab einer konkreten Realität, im zeitlosen russischen Irgendwann.

 „Grauenvoll“, „mir graut es“: Das sind die häufigsten Worte dieser 1890 uraufgeführten Oper. Auch von der trüben Ästhetik maroder Stadtviertel in der Stuttgarter Inszenierung (Bühne, Kostüme: Anna Viebrock) geht etwas Drohendes, Unheilvolles aus.

Nur Mittel zum Zweck

Heimatlose Glückssucher irren treppauf, treppab durch diese öde Abbruch-Szenerie. Wieler/Morabito verlagern die Oper ins Milieu der Abgehängten. German, ein finsterer Außenseiter auf der Suche nach einem ultimativ geldbringenden Kartenspiel-Rezept, wird von einer Straßengang feixend herumlungernder Langweiler blutig geprügelt. Lisa, seine treuherzige Geliebte im trashbunten Hängerkleidchen, ist ihm nur Mittel zum Zweck – um an deren Großmutter heranzukommen: Und diese „Pique Dame“, eine  geheimnisvolle Gräfin und legendenumwobene Kartenspiel-Zauberin, ist bei Wieler/Morabito eine wunderliche, agile Stadtstreicherin, die durch die Hinterhöfe geistert. Selbst Polina, Lisas Freundin, „präludiert“ nicht edel am Cembalo (wie im Original), sondern singt hier ihre traurige Romanze im Kreise ihrer Hinterhof-Gören, als wär’s ein drittklassiges Vorstadt-Casting. Und wenn schon mal die Zarin Katharina die Große angekündigt wird, dann „erscheint“ in dieser Inszenierung konsequenterweise ein Idol unserer Zeit – ein Bikini-Model, von der Menge abgöttisch bejubelt.

Sicher, auch ein Einkaufswagen und eine Palette mit Bierdosen kommen vor, was man durchaus als klischeeverdächtig empfinden kann. Und doch lebt diese Inszenierung von einer unheilvollen Spannung. Sie erzählt eben kein klagendes Sozialdrama, sondern bleibt stets im Vagen, denn die gespensterhaften Stadtwüsten stehen für surreale, obsessive Fantasiewelten. Zudem bringt die Regie ein bisschen Dämonie à la Dostojewski („Schuld und Sühne“) in die kühl distanzierte, erst für die Oper dramatisch aufgebrezelte Puschkin-Story. Vor allem ein geräuschlos auf unsichtbaren Rädern über die Szene gleitender Waggon, eine Art Sänfte, Leichenraum oder Totenfloß, verleiht den Auftritten der Gräfin etwas Schauerlich-Morbides.

Die Solisten? Allen voran der Gast-Tenor Erin Caves: Sein German ist ein einsamer, besessener Großstadt-Nomade mit Sport­rucksack – nach einzelnen Intonationsschwankungen steigert sich Caves bis zum mitreißenden, vom drohenden Unglück überschatteten Liebesduett mit Lisa. Die wiederum stattet Rebecca von Lipinski mit beseelten Klagen und fülligen Höhen aus. Großartig schließlich Helene Schneiderman, deren mysteriöse, grauhaarige Stadtstreicherin (stark: „Je crains de lui“) viel abgründigen Humor und offensive Lebenslust ausstrahlt. Stellvertretend fürs gut sortierte Ensemble seien noch Stine Marie Fischer als beherzte Polina erwähnt und Vladislav Sulimsky als mafioser Tomski mit kernigem Bariton.

Dann die Musik. Feurig die Chöre! Und glänzend, was Sylvain Cambreling da mit dem Staatsorchester aus dem Graben zaubert – unerbittlich scharf und schneidend das Blech, graziös die Flöten, todtraurig die Klarinette, seidig und schwärmerisch sehrend die Streicher. Bis am Ende die „rebellische und gequälte Seele“ Germans erlöst wird. Alles in allem: Eigenwillig, vielschichtig, surreal inszeniert. Und dennoch in vielem anrührend.

„Eine russische ‚Carmen’, aber prachtvoller“, wünschte sich der St. Petersburger Opernchef. Mit Puschkins eher kühl erzählter Geschichte fremdelte Tschaikowski zunächst: „Mich können nur solche Sujets erwärmen, in denen echte, lebendige Menschen handeln, die fühlen wie ich.“ op

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