„Medea“: Ins Deutsche verdeutlicht

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Stress mit der Ex: Iason (Sebastian Kohlhepp) und Medea (Cornelia Ptassek).  Foto: 

Ziemlich aufgedreht staksen sie herum, die bonbonbunten Brautjungfern: „Der Himmel schenke Glück.“ Das kann Königstochter Kreusa (toll naiv: Josefin Feiler) gut gebrauchen: „Ach ja, es ist wahr.“ Schließlich hat ihr Zukünftiger, Iason, gerade erst seine Ex abserviert. So zuckt sie zusammen, wenn’s draußen klingelt. Es stehen aber, vorerst, nur Hochzeitsgeschenke vor der Tür – die Rachefurie kommt später.

Auch die Musik hüpft hin und her zwischen fröhlich und beklommen. Und wenn jetzt ein Zuschauer ahnungslos den Stück­titel überlesen hätte, könnte er ins Grübeln kommen, ob es ihn nicht in irgendeine heitere deutsche Spieloper von Albert Lortzing verschlagen hat. Nein, Luigi Cherubinis 1797 in Paris uraufgeführte Oper „Médée“ steht auf dem Programm – als „Medea“. In dieser Stuttgarter Inszenierung Peter Konwitschnys wird nicht in der Originalsprache, also Französisch, gesungen, sondern auf Deutsch. Und auch die gesprochenen Dialoge: auf Deutsch, vom Regisseur selbst eingerichtet.

Daran muss man sich gewöhnen. Nun klingt in Cherubinis Oper eine ganze Menge Musikgeschichte mit: von Mozarts spätem Humanismus à la „Tito“ bis zu Beethovens ruppig revolutionärem Geist, dazu eine Prise Frühromantik. Und das Staatsorchester spielte das in der Premiere unter Leitung von Alejo Pérez kompakt, mit Verve, rasant. Aber so komplett deutsch dargebracht, ist die ganze „Medea“ aufs erste Hören geradezu teutonisch-dramatisch eingemeindet.

Schöner Zufall, dass am Wochenende ausgerechnet die Komische Oper in Berlin ihren 70. Geburtstag feierte und an ihren Gründer Walter Felsenstein erinnerte. Eine Maxime seines realistischen Musiktheaters waren Aufführungen konsequent in deutscher Sprache; von Verdis „Othello“ bis Bizets „Carmen“. In diese Tradition stellt sich Konwitschny. Auch die politische Grundhaltung, die gründliche Personenführung: altmodisch überzeugend.

Ein antiker Stoff, noch immer alltagsnah. Da hat Medea ihrem Gatten Iason geholfen, das Goldene Vlies zu rauben, und auch die Flucht der Argonauten sicherte sie ab, indem sie ihren eigenen Bruder zerstückelte. Nur mochte Iason (Sebastian Kohlhepp durchaus skrupulös, mit charaktervollem Tenor) bald nicht mehr verflucht und heimatlos umherirren, er dealte mit dem König von Korinth (Shigeo Ishino als Knallcharge): Der gewährt Iason jetzt Asyl und erhält dafür das Goldene Vlies, wobei der Pakt mit einer Eheschließung verbunden ist.

So ist Medea aus dem Spiel, verstoßen. Macht und Liebe, weiß später auch Richard Wagner im „Ring des Nibelungen“, schließen sich aus. Weniger mythologisch formuliert: Wir leben in einer völlig verkommenen, untergehenden Gesellschaft. Medea, die Mutter, die aus Rache ihre eigenen Kinder tötet, ist auch nur ein Objekt, ein Opfer. Diese Frau, deren Hass so groß ist wie ihre Liebe, denkt und agiert wie die Männer in heilloser Welt.

Bühnenbildner Johannes Lei­acker illustriert das: Zur Ouvertüre zeigt der Vorhang eine pittoresk gemalte Strandlandschaft mit Wellenschlag. Aber das Leben spielt sich dann in einer verdreckten Küche ab. Hochzeitsnettigkeiten? Alles nur böser Schein in diesem Szenario. Vor dem dritten Akt geht der Vorhang noch einmal runter: Jetzt tobt heftig ein musikalischer Sturm, der alles durcheinanderwirbelt, auch jede Menschlichkeit. Medea freilich kann nichts mehr erschüttern, sie isst ruhig einen Apfel. Großartig, wie Cornelia Ptassek die Medea verkörpert – ja verkörpert in aller Emotionalität.

Jetzt steht nur noch eine Ruine aus Requisiten, umgeben von unendlich viel Wohlstands-Müll. Der Mord an den Kindern? Konwitschny erzählt den Botenbericht real: Medea und ihre Söhne spielen Indianer, aber tödlich. Sie schneidet ihnen die Kehle durch – wobei Konwitschny auf Theaterblut verzichtet. Eindrücklich: Wenn Iason und das Volk hereinkommen und ein Verbrechen beklagen, sie aber die toten Kinder gar nicht beachten. Hier geht man, um der Macht willen, buchstäblich über Leichen.

Mit der „Medea“ ist es dem Regiealtmeister gelungen, das Publikum zu packen. Man darf jetzt über Originalsprache in der Oper diskutieren.  Und darüber, welche poetische Qualität Konwitschnys teils profanen Dialoge besitzen – wo doch Kollegen selbst die Dialoge in Beethovens „Fidelio“ oder Webern „Freischütz“ fürchten und streichen. 

„Médée“, ins Deutsche entzaubert? Es ist ein neues Werk des spannenden Musiktheaters.

Aufführungen Die „Medea“ von Luigi Cherubini steht wieder am 8. Dezember, dann am 8., 14., und 31. Januar sowie am 5. Februar auf dem Spielplan der Oper Stuttgart. Diese Inszenierung Peter Konwitschnys in der deutschen Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze dauert zwei Stunden und 15 Minuten – ohne Pause.

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