"Kino darf nicht bierernst sein"

Früher als "Spielbergle" belächelt, erhielt Roland Emmerich für "Independence Day" einen Oscar. Mit "White House Down" kehrt der 57-jährige Exil-Schwabe nach "Anonymus" zum Actionfilm zurück.

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Roland Emmerich beim 39. American Film Festival am 1. September im französischen Deauville. Foto: dpa

Mit "Independence Day" bekamen Sie einst eine präsidiale Einladung ins Weiße Haus. Wie waren die Reaktionen diesmal?

ROLAND EMMERICH: Ich glaube nicht, dass Präsident Obama sich öffentlich über unseren Film äußern wird, er steht als Präsident ohnehin schon sehr unter Beschuss. Für Clinton war es damals viel einfacher, sich den Film im Weißen Haus anzuschauen, dort ging es schließlich um Aliens - womit die Feindbilder klar verteilt gewesen sind.

Wobei Obama doch Pate gestanden haben könnte für Ihren Präsidenten, den Jamie Foxx verkörpert?

EMMERICH: Jamie hat mir immer gesagt: "Ich weiß, alle werden behaupten, ich spiele Obama - aber das tue ich gar nicht." Weil er Obama jedoch so gut kennt, gelingt es ihm besonders gut, beide Seiten eines Politikers zu zeigen: den gewinnenden Charmeur, der ganz locker die Touristengruppe begrüßt, und die neurotischere und ängstlichere Seite, wenn er privat ist.

Passt Ihr Präsident vom politischen Profil nicht bestens zu Obama?

EMMERICH: Politisch ist er eher so, wie man sich Obama wünscht (lacht). Wobei er für mich zu jenen US-Präsidenten gehört, die es in der Geschichte wohl am schwersten haben - ein Schicksal, das er mit Bill Clinton teilt. Deren ungemeine Popularität sorgt dafür, dass die rechte Seite ständig mit allen Tricks versucht, sie so schlecht wie möglich aussehen zu lassen. Da wird es schon zu einem Skandal, wenn Obama dem Marine an der Tür seines Helikopters die Hand schüttelt, statt ihm zu salutieren. Bush hätte diesem Soldaten auf den Fuß treten können, ohne dass es jemand interessiert hätte.

Mit der Darstellung der allwissenden NSA sind Sie reichlich aktuell. . . EMMERICH: Manchmal hat man eben Glück (lacht). Als dieser Skandal bekannt wurde, habe ich mich ein bisschen für Obama geschämt. Er hat diese Überwachung ja nicht eingeführt, umso mehr hätte er den Mut haben sollen, den Amerikanern zu sagen, dass es sich mit dieser Überwachung verhält wie mit der Sicherheit am Flughafen.

Im Film spielt der "militärisch industrielle Komplex" eine zentrale Rolle. Woher kommt diese Vokabel?

EMMERICH: Diesen Begriff hat Präsident Eisenhower erfunden und sein Land seinerzeit ausdrücklich davor gewarnt. Eisenhower hat Recht gehabt, und die Entwicklung wurde im Lauf der Zeit schlimmer.

Wie wichtig sind für Sie solche politischen Elemente im Popcorn-Kino?

EMMERICH: Politische Aspekte sind mir absolut wichtig. Im ursprünglichen Drehbuch störte mich, dass es am Ende nur um Geld ging. Das war mir zu wenig, ich wollte, dass es in dem Film um etwas geht: um einen US-Präsidenten, der ein Anliegen hat, um das sich zu kämpfen lohnt.

Der Film "Olympus has fallen", bei dem gleichfalls das Weiße Haus attackiert wird, fällt um einiges patriotischer aus - ist das der Grund, weshalb er am ersten Kinowochenende erfolgreicher abschnitt als Ihr Werk?

EMMERICH: "Olympus" hat in Amerika beim Start zwar mehr eingespielt als wir, international hingegen hat er ganz schlecht abgeschnitten. Unser Film ist kritisch gegenüber Amerika, das kommt in den USA nicht besonders gut an - aber in anderen Ländern umso mehr.

Haben Sie sich nach dem Shakespeare-Ausflug mit "Anonymus" wieder wohler gefühlt im vertrauten Action-Genre?

EMMERICH: Ich mache immer nur Filme, die ich wirklich machen möchte. Als ich das Titelbild des Drehbuchs gesehen habe, dachte ich zuerst, "Sind die wahnsinnig, mir so etwas anzubieten?" Aus Respekt habe ich die ersten zehn Seiten gelesen - und konnte gar nicht mehr aufhören. Diese Story war extrem gut und mitreißend. Es musste uns nur noch gelingen, dass es dabei auch thematisch um etwas geht.

Im Film sagt ein Touristenführer: "Das ist der Teil des Weißen Hauses, der in ,Independence Day zerstört wird." Wie wichtig ist Selbstironie?

EMMERICH: Man muss über sich selber lachen können - ein Film sollte das ebenfalls. Kino darf nicht bierernst sein, egal wie ernst ein Thema gemeint ist. Wobei diese Pointe gar nicht meine eigene Idee war, sondern die des Schauspielers. Der sagte das bei seiner Bewerbung und wir haben uns totgelacht.

Ist Ihre "small is beautiful"-Phase nach "Anonymus" abgeschlossen?

EMMERICH: Keineswegs, ich habe zwei kleinere Projekte, die ich gern machen möchte. Für "Stonewall Riots", einen Film über die Anfänge der Schwulenbewegung, gibt es bereits ein Drehbuch. Zudem fände ich es spannend, die Folgen der Weltwirtschaftskrise in einem einzigen Raum mit zwölf Schauspielern abzuhandeln. Das könnte ich mir sogar fürs Fernsehen vorstellen, das hat sich jüngst enorm entwickelt.

Zur Person vom 3. September 2013
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