"Innigkeit ist nicht peinlich"

Bariton Christian Gerhaher hat sich als Liedinterpret einen Namen gemacht, ist aber auch auf Opernbühnen zuhause. Das Hohelied auf das deutsche Volkslied, das derzeit gesungen wird, missfällt dem Künstler.

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    Christian Gerhaher: Man muss das Volkslied nicht retten. Foto: Jim Rakete
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    Seine jüngste CD erschien bei Sony: "Romantische Arien".
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Herr Gerhaher, im Unterschied zu anderen klassischen Formaten profitieren Liederabende kaum vom zunehmenden Interesse an der Klassik. Ist Liedgesang heute uncool?

CHRISTIAN GERHAHER: Das Wort "uncool" ist vielleicht ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang. Ich verweise bei dieser Gelegenheit gerne auf ein Erlebnis, das ich bei meinem einzigen Liederabend mit Dietrich Fischer-Dieskau hatte. Meine Schwester war dabei, sie kennt das Repertoire natürlich nicht so gut wie ich. Fischer-Dieskau sang auch das "Ständchen" von Brahms als Zugabe mit dem Text von Franz Theodor Kugler: "Der Mond steht über dem Berge, so recht für verliebte Leut". Da sagte meine Schwester zu mir: "Sag mal, was ist das denn für ein blöder Text?" Später ist mir aufgegangen, wie recht sie hatte. Ich finde es sehr schwierig, und es ist natürlich ein Reifungsprozess, der gemacht werden muss, um solche Lieder zu mögen. Denn das Lied an sich ist toll, aber insgesamt eine sehr komplexe Kunstform.

Kein anderer Künstler hat das Kunstlied so repräsentiert wie der im vergangenen Jahr verstorbene Dietrich Fischer-Dieskau. . .

GERHAHER: Fischer-Dieskau hat vor 50, 60 Jahren Gott sei Dank damit aufgeräumt, dass das Lied nur noch eine delektierende, zum Sentimentalen neigende Zugabe auf privaten Gesellschaften ist. Natürlich übertreibe ich jetzt furchtbar, aber ohne eine intellektuell mehr distanzierte Rezeption würde ein Liederabend meiner Meinung nach heute gar nicht mehr funktionieren, mit sentimentalen Attitüden ist er nicht zu retten. Auf der anderen Seite muss man auch sagen, woher sollen junge Menschen die Zeit, die Kraft und auch das Geld hernehmen, wenn sie junge Familien haben, in einen Liederabend zu gehen, der auch vorbereitet werden muss? Ich kann schon nachvollziehen, dass dieses Genre keine großen Massen bewegt.

In welchem Verhältnis stehen Volks- und Kunstlied zueinander?

GERHAHER: Das Volkslied ist schlussendlich der Ausgangspunkt für das Kunstlied, es drängt in seiner Schlichtheit hin zu einer komplexeren, komplizierteren, interessanteren, anspruchsvolleren Kunstform, was natürlich auch gleich in Richtung elitär geht. Da kann man natürlich überhaupt nicht umhin, das zuzugestehen. Es braucht Zeit und Muße, das Kunstlied in sich aufzunehmen, und das ist etwas, was vielen Menschen heute nicht mehr zur Verfügung steht.

In Deutschland wird das Volkslied ja fast schon wie ein Weltkulturerbe betrachtet, das es zu schützen und bewahren gilt. Verdientermaßen? Was meinen Sie:

GERHAHER: Mir missfällt das Hohelied auf das Volkslied, das jetzt gesungen wird, weil doch ein sehr chauvinistischer Unterton mitschwingt. Also dass man das deutsche Volkslied unbedingt retten muss, sehe ich überhaupt nicht. Bei Worten wie Vermächtnis oder Weltkulturerbe denke ich da doch mehr an Schubert, Schumann und Mahler als an das deutsche Volkslied. Ich finde, das Volkslied hat etwas Zufälliges, etwas nicht Konservierungsbedürftiges, weil es sich erst in der stetigen Wandelbarkeit beim Singen zeigt. Es muss nicht festgelegt werden. Natürlich sind all diese Sammlungen - von Herder bis Bartók - wahnsinnig wertvoll. Das Interessante am Volkslied ist meiner Meinung nach, dass es sich immer weiter zum Kunstlied hin bewegt, dass es einen Verfeinerungscharakter hat, dass es den Fortschritt immer in sich trägt. Die Entwicklung eines Gedankens ist doch viel interessanter als sein Ursprung.

Das romantische Kunstlied ist etwas sehr Inniges, um nicht zu sagen Innerliches, aber schon diese Begriffe klingen veraltet . . .

GERHAHER: Ich finde diese Begriffe nicht falsch, ich würde sogar sagen, dass die Kunst Schumanns sehr stark nach innen gerichtet ist, was der Vortragsweise der Lieder nicht unbedingt entspricht. Denn diese ist eigentlich expressiv, nach außen gerichtet. Man kann sogar sagen, dass Schumann eine Kunstform des Nach-innen-gerichtet-Seins entwickelt hat, die einzigartig ist. Ich glaube aber nicht, dass Innigkeit etwas ist, das Menschen nicht wollen oder was sie peinlich finden. Unangenehm ist vielmehr das Reden über Innigkeit, also die damit häufig einhergehende Sentimentalität. Leider gleitet die Zeit heute wieder ab in Richtung Entertainment und Sentimentalität. Ich glaube, junge Leute haben dafür ein sehr feines Gespür und wenden sich davon ab. Sentimentalität ist etwas, was der junge Mensch im Allgemeinen nicht braucht.

Jetzt haben Sie die Schiene des Liedgesangs verlassen und bei Sony Ihre erste CD mit romantischen Arien vorgelegt. Was hat Sie dazu bewogen?

GERHAHER: Ich wollte die wichtigsten Arien aus einem kleinen, aber für die Entwicklung der Musik und der Etablierung eines deutschen Nationalmusiktheaters so wichtigen Zeitraum von rund einem Vierteljahrhundert zusammenbringen. Es handelt sich um die Zeit der Frühromantik, in der sich das deutsche Musiktheater in Abgrenzung zur damals vorherrschenden italienischen Oper herausgebildet hat. Die Themen der Frühromantik, Mittelalter und Minnesang bilden die Klammer der CD. Für mich als Sänger markiert diese spannende Epoche die Entdeckung einer neuen Deklamation und die Wiederentdeckung der Melodie. Vor allem wollte ich zeigen, was für eine grandiose Musik die Arien von Franz Schubert sind, und ich hoffe, damit auch einige Vorurteile gegen den Opernkomponisten Schubert endgültig begraben zu haben.

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