„Ich nehme jede Rolle ernst“

|
Liebt das Zusammenspiel von Wort und Musik: Klaus Maria Brandauer.  Foto: 

Wenn Klaus Maria Brandauer auf der Bühne steht, gerät der Abend nicht selten zur One-Man-Show: Beherrscht der Schauspieler doch in jedem Moment die Szene, wechselt je nach Rolle Stimmungen, Stimmlagen und Sprachfärbung, springt virtuos und mit pointierter Gestik und Mimik durch die Werke der großen Dichter.

Und doch liebt der Wiener das Spiel mit Partnern, nicht zuletzt musikalischer Natur – so wie jetzt mit dem Pianisten Sebastian Knauer: Gemeinsam suchen sie in ihrem Programm „Erst 1, dann 2, dann 3, dann 4, dann steht das Christkind vor der Tür“ nach dem Geheimnis der Weihnacht – Knauer in Werken von Bach bis Schubert, Brandauer in Texten von Heine bis Rilke. Am Mittwoch gastieren sie in der Stuttgarter Liederhalle.

Ist das Wort allein nicht genug, dass es zur Verstärkung der Musik bedarf?

Klaus Maria Brandauer: Man könnte genauso gut fragen, ob die Musik eine Erklärung oder Interpretation durch Worte braucht – beides ist nicht richtig! Musik und Worte gehen eine Verbindung ein, auch beim einfachen Sprechen: Jeder gesprochene Satz hat eine eigene Melodie, die einen großen Einfluss auf das Verständnis hat, ob einem das bewusst ist oder nicht. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, hat Nietzsche gesagt – und das gilt auch in diesem umfassenden Sinn.

Doch raubt die Musik nicht dem Wort seine Wirkmacht?

Nein, sie verstärkt sie – ja, beide verstärken sich gegenseitig, im besten aller Fälle. Das sollte der Anspruch sein: Wir machen ja Kunst und da ist das Ergebnis größer als die Summe seiner Teile. Wenn dem nicht so ist, hat es nicht funktioniert, das ist dann schlecht.

Sie selbst haben festgestellt, die Zeit sei einfach zu knapp, um sich mit Mittelmäßigem auseinanderzusetzen – demnach ist Ihr Weihnachtsprojekt mit Sebastian Knauer also etwas Besonderes . . .

Das ist schon länger meine Maxime, und ich bin ganz gut damit gefahren. Ich nehme jeden Auftritt und jede Rolle sehr ernst, es gibt dann nichts Wichtigeres in Vergangenheit oder Zukunft, nur den aktuellen Moment. Und ich brauche dafür Partner, die genauso wie ich an die Sache heran gehen: Wenn das passt, bin ich glücklich, und dann arbeitet man auch immer wieder zusammen.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste nachhaltige Begegnung mit der Klassik?

Als ich ein Junge von zehn oder elf Jahren war, sind meinen Eltern mit mir jeden Sommer nach Italien gefahren, mit unserem Volkswagen – so war das damals.  Einmal haben wir in Verona Station gemacht: In der Arena lief Puccinis „Tosca“, Franco Corelli war der Cavaradossi, wir saßen ziemlich weit oben, weit entfernt von der Bühne, doch ich war von Anfang an wie gebannt.  So etwas hatte ich noch nie erlebt und ich dachte nur: Das will ich auch!

Und welchem Musikgenre gilt heute Ihre Leidenschaft?

Ich habe da keine wirklichen Präferenzen – ich höre eigentlich alles, gut muss es halt sein. Nur ein paar Bereiche betrete ich nicht so gern, deutscher Schlager gehört dazu und Hard Rock, aber ansonsten kann ich mich für fast alles begeistern. Für mich muss sich durch die Musik etwas übertragen, eine Leidenschaft spürbar sein, ein Sich-ausdrücken-Wollen. Dann bin ich sofort dabei. Ich muss gar nicht alles im Detail verstehen, nur spüren, das genügt. Und die schönste Musik ist eh das Trommeln des Regens auf der Fensterbank an einem stillen Herbstnachmittag bei mir zu Hause in der Steiermark.

Was fasziniert Sie an der Oper?

Ich liebe die Oper über alles – nicht nur, weil ich die ersten prägenden Erfahrungen mit ihr gemacht habe, sondern weil sie unter den Bühnenkünsten noch mal eine besondere Stellung inne hat. Die Entwicklung der Oper von ihren Anfängen bis heute markiert einen Gipfel unserer europäischen Kultur. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen. Ich sehe nichts, was darüber hinauswachsen würde.

Nun bringt die Oper für einen Schauspieler ja aber den Nachteil mit sich, dass man die Schauspielkunst der Musik unterordnen muss . . .

. . . von Unterordnen kann überhaupt keine Rede sein! Gewiss gibt die Musik einen strengeren Rahmen vor, als es der Text eines Schauspiels macht, aber dennoch muss man auf der Bühne zu einer Form finden, die Ausdruck und Noten zusammenführt. Viel zu oft ist es ja so, dass eine Sängerin zwar alle Noten hat, es ihr aber nicht gelingt, eine glaubwürdige Figur zu verkörpern, mit allen menschlichen Facetten. Doch wenn es funktioniert, dann sind das die großartigsten Momente, die man als Publikum in einem Theater erleben kann: Wer das einmal erlebt hat, geht immer wieder hin!

So wie Sie ans Wiener Burgtheater, wo Sie nun schon seit 45 Jahren spielen und inzwischen auch Regie führen. Was ist das Besondere an diesem Haus, dass Sie ihm so lange so eng verbunden sind?

Die Vorstellung, dass es nicht so wäre, fällt mir sehr schwer. Das Burgtheater ist und bleibt meine künstlerische Heimat, auch wenn ich gern und oft unterwegs war.

Gemeinhin gilt gerade der Wiener als sehr musikbeflissener Mensch – trifft diese Kunstsinnigkeit auch in Sachen Schauspiel zu?

In Wien schafft es das Theater, immer wieder zum Stadtgespräch zu werden – selbst bei den Leuten, die gar nicht hingehen. Jeder Taxifahrer kennt auch heute noch den Spielplan des Burgtheaters auswendig. Eine solche Verankerung in der Stadtgesellschaft ist einzigartig, und in Zeiten, in denen die Kultur immer wieder großen Sparzwängen ausgeliefert wird, ist das eine ganz gute Bestandsgarantie. Denn als Verbraucher von großen Mengen Steuergeld sind wir darauf angewiesen, dass uns auch die gewogen sind, die gar nicht in die Vorstellungen kommen.

Klaus Maria Brandauer und der Pianist  Sebstian Knauer gastieren am Mittwoch, 21. Dezember, 20 Uhr, mit „Erst 1, dann 2, dann 3, dann 4, dann steht das Christkind vor der Tür“  in der Stuttgarter Liederhalle.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gaffer von Heidenheim soll mit Video identifiziert werden

Die Polizei hofft, den Gaffer von Heidenheim mit Hilfe von Videoaufnahmen eines Autofahrers identifizieren zu können. weiter lesen