"Für Mainstream recht schrullig"

Drei Kerle mit nackten Oberkörpern prügeln wie wild auf ihre Instrumente ein. Das sind Biffy Clyro live. Sie machen Musik zwischen Hymne und Dampfhammer. Im Gespräch ist Sänger Simon Neil aber ganz zahm.

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  • Simon Neil auf der Bühne des Taubertal-Festivals bei Rothenburg: Bis auf ein fast akzentfreies "Hallo, wir sind Biffy Clyro, und wir kommen aus Schottland" kommuniziert er mit dem Publikum nur über seine Musik. Fotos: Claudia Reicherter 2/3
    Simon Neil auf der Bühne des Taubertal-Festivals bei Rothenburg: Bis auf ein fast akzentfreies "Hallo, wir sind Biffy Clyro, und wir kommen aus Schottland" kommuniziert er mit dem Publikum nur über seine Musik. Fotos: Claudia Reicherter
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Ein ungewohnter Anblick: Simon Neil im T-Shirt, das Haar frisch zurückgekämmt. Auf der Bühne mit seiner Band Biffy Clyro ist der Sänger und Gitarrist - wie Ben Johnston am Schlagzeug und James Johnston am Bass - stets mit nacktem Oberkörper zu sehen, selbst beim Silvester-Open-Air bei Eiseskälte in Edinburgh. Ansonsten sieht der Konzertbesucher nicht viel von dem 34-jährigen Schotten. Die dunkle Mähne verdeckt meist sein porzellanpuppenhaft hübsches, bärtiges Gesicht. Vor dem Auftritt beim Taubertal-Festival aber zeigt er sich recht bieder - im Band-Wohncontainer hinter der Bühne. Die ersten Fragen stellt er britisch-höflich selbst: "Hallo, wie gehts? Genießen Sie das Festival?" Dann bietet er etwas zu trinken und einen Sitzplatz im Sessel an. Er selbst nimmt zum kurzfristig vom Bandmanager gewährten Interview auf dem kleinen Sofa am Fenster Platz.

Der Songwriter der schottischen Band spricht überlegt in melodiösem Singsang mit rollendem "r". Arroganz? Davon ist nichts zu spüren. Sensibel, interessiert und ungewohnt offenherzig wirkt er, dieser neue britische Superstar.

Die aktuelle Platte der Band stieg in Großbritannien gleich auf Platz eins der Albumcharts, bei uns schaffte sie es bislang nur auf Platz fünf. Bei großen Festivals wie Rock am Ring und RocknHeim spielen Neil und die rothaarigen Zwillinge deshalb noch am frühen Abend, während sie auf dem kleineren Taubertal wie bei großen englischen Open Airs Headliner sind. Kritiker prognostizieren dieser Band eine große Zukunft.

Erste Krisen auf dem Weg nach Oben sind schon überwunden. Den Tod seiner Mutter, während er auf Tour war, und die Fehlgeburten seiner Frau hat Simon Neil ebenso verarbeitet und verkraftet wie Drummer Ben Johnston sein Alkoholproblem. Kummer sticht er sich in die Haut - unter zahlreichen Tattoos auf seinem Bauch findet sich die Signatur seiner Mama - oder packt ihn in Lieder.

Stimmt es, dass Sie einen Song für Tennisspieler Andy Murray umgeschrieben haben, nachdem der das Grand-Slam-Turnier in Wimbledon gewonnen hat?

SIMON NEIL (lacht): Ja, wir haben unser Stück "Victory Over The Sun" nach seinem Sieg über Novak Djokovic umgedichtet in "Victory Over The Serve". Wir sind sehr stolz auf ihn. Alle Schotten sind das. Er ist ein richtiger Nationalheld. In der Band überlegen wir, uns sein Porträt tätowieren zu lassen. . .

Dabei geht Murray in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend mit seiner schottischen Herkunft um, bei uns ist von ihm immer nur als "der Brite" die Rede.

NEIL: Er hängt das nicht an die große Glocke. Aber das ist zum Teil Taktik. Schließlich könnte er sonst seine englischen Fans abschrecken und unhöflich erscheinen. Aber wir Schotten wissen schon ganz genau, wer Schotte ist.

Nächstes Jahr stimmen die Schotten ab, ob sie beim Vereinigten Königreich bleiben wollen. Wie stehen Sie zur Unabhängigkeit?

NEIL: Ich fürchte die Unabhängigkeit nicht. Die Zeit könnte jetzt reif dafür sein. Aber es sind diesbezüglich noch viele Fragen offen. Ich denke, in den nächsten Monaten werden die ganzen Informationen auf den Tisch kommen, die man braucht, um zu entscheiden. Es wird ein Kampf werden (grinst vorfreudig): Das schottische Parlament wird versuchen, die Leute vom Sinn der Unabhängigkeit zu überzeugen, und die Regierung in London vom Gegenteil. Möglicherweise haben die Leute Angst davor, etwas zu verändern, das über so viele Jahrhunderte funktioniert hat. Ich denke jedoch, Schottland hat Öl und Windräder, das Land könnte es schaffen, unabhängig zu sein. Wie Norwegen oder Irland. Ich persönlich bin gern Teil des Vereinigten Königreichs, aber sehe auch keinen Schaden darin, wenn Schottland ein unabhängiges Land wäre.

Manche sind unzufrieden mit EU-Politik und Gesundheitswesen. . .

NEIL: Ich finde unseren National Health Service echt gut. Wir sollten nicht vergessen, dass viele Länder so etwas nicht haben und das sehr problematisch ist.

Biffy Clyro hat treue Fans, die auch intolerant sein können, wenn Ihr etwas Neues ausprobiert. Manchen ist das neue Album mit Mariachi- und Dudelsack-Klängen nicht hart genug. Was sagen Sie dazu?

NEIL: Wir entwickeln uns eben. Ich wäre enttäuscht, wenn wir heute noch dieselbe Musik machen würden wie vor zehn Jahren. Die Songs sind noch immer komplex, und ich spiele sogar härtere Gitarrenriffs als je zuvor. Aber solche Reaktionen verletzen mich jetzt nicht mehr.

Taten sie das früher?

NEIL: Ja, da hat mir das mehr ausgemacht.

Wo sehen Sie Biffy Clyro heute?

NEIL: Die Songs werden uns wichtiger. Dafür werde ich mich bei niemandem entschuldigen. Ich möchte, dass die Texte das Wichtigste an den Stücken sind. Als Band müssen wir tun, was uns guttut. Ich finde, unsere Stücke sind besser geworden. Das ist natürlich auch eine Frage des Älterwerdens. . . Ich hörte früher nur Avantgarde-Musik, jetzt zum Beispiel auch Neil Young. Für eine Mainstream-Rockband sind wir aber doch immer noch ein recht schrulliges Unternehmen, oder?

Sehr schön gesagt. Ja, schon. Wie wirkt sich der Erfolg aufs Privatleben aus? Können Sie im Pub in Ayr noch in Ruhe ein Pint trinken?

NEIL: Oh ja. In der Stadt kennen mich alle seit Jahren als einen Kerl mit ner Band. Das bin ich immer noch. Ich meine, so bekannt bin ich ja jetzt auch wieder nicht. Jay Z etwa, der ist berühmt. Wir sind nur eine Band. Das ist nicht so glamourös. Aber ich bleibe eh lieber im Haus. Deshalb finde ich wohl auch so viel Zeit, um Songs zu schreiben.

Nach 20 Minuten hüpft der Mann, der sich in Musikvideos gern als tragischer Held inszenieren lässt und von weiblichen Fans zum Teil besorgniserregend verehrt wird, fürs Porträtbild flugs in Kauerstellung aufs Sofa. Wegen des schöneren Hintergrunds. Zwei Stunden später gehen er und die Johnstons auf der Bühne ab wie die Berserker.

Simon Neil prügelt in breitem Grätschschritt und auf dem Boden kniend, den tätowierten Rücken zum Publikum, das Letzte aus seiner Gitarre raus. Geredet wird wenig. "Hallo, wir sind Biffy Clyro, und wir kommen aus Schottland", ist das einzige, was er sagt. Das aber fast akzentfrei. Die Kommunikation funktioniert über die Musik. Die ist energisch, brachial, wütend - und zugleich melodiös. War zunächst noch reichlich Raum vor der Bühne, ändert sich das schnell. Nach dem 70-minütigen Auftritt haben Biffy Clyro wieder ein paar Fans mehr.

In 15 Jahren von Ayr nach Wembley
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