Konstantin Wecker: „Freu’ mich auf die Sieben vor der Null“

Der Sänger, Komponist und Poet Konstantin Wecker wird morgen 70. Er hat ein neues Album mit den Lieblingsliedern seiner Karriere aufgenommen und feiert seinen Geburtstag auf der Bühne.

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„Ich freue mich auf die Sieben vor der Null“: Konstantin Wecker.  Foto: 

Er hat mehr als 2500 Konzerte gegeben, 25 Studio- und 17 Live-Alben gemacht, 52 Film- und Fernsehmusiken, 28 Musicals und zwölf Bühnenmusiken geschrieben. Morgen wird Konstantin Wecker 70. Seinen Geburtstag feiert er auf der Bühne.

Das Leben lang haben Sie gegen das Establishment angesungen. Jetzt hagelt’s Preise. Nicht nur den Deutschen Kleinkunstpreis, sondern auch den Ehrenpreis Rheinland Pfalz und vor wenigen Tagen den Bayerischen Staatspreis. Was geht da in einem vor?

Konstantin Wecker: Ich habe kein Problem mit diesem Preis, die Jury, die ihn zuerkennt, besteht ja aus unabhängigen Musikern. Ich hatte auch eine schöne Dankesrede vorbereitet, in der ich erklärt habe, dass ich diesen Preis teilen werde mit den Musikern aus Syrien, dem Irak, mit denen ich gespielt habe. Und ich habe auch einen Stopp der unseligen Abschiebungspraxis gefordert. Ich werde den Preis nutzen, um weiterhin meine Meinung zu sagen.

Sie haben in Ihrem Leben wenig ausgelassen. Am 1. Juni werden Sie 70. Wie wird man in Ehren alt?

Wie man in Ehren alt wird, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, wie man alt wird. 70 zu werden ist weniger schlimm, als man denkt. Vor dem 70. Geburtstag habe ich weniger Bammel als vor meinem 50. oder 60. Darunter habe ich mehr gelitten. 50 war für mich eine Katastrophe. Jetzt ist alles vorbei mit der Jugend, habe ich mir gesagt. 60 zu werden, war irgendwie spießig. Auf die Sieben vor der Null freu ich mich richtig. Ich nehme das Alter an. Das ist nicht rational. Aber als ich etwa 40 war, habe ich meinen Vater gefragt, wie das in seinem Alter sei, wenn man weiß, dass man nicht mehr so lange zu leben hat. Ob man da nicht dauernd an den Tod denkt. Da hat er gesagt: „Man denkt nicht dauernd dran“. Und das stimmt. Wenn man jünger ist, denkt man ständig an die Zukunft, überlegt auch, was man in der Vergangenheit falsch gemacht hat. Mit 70 lebt man dagegen mehr in der Gegenwart. Und die hat auch tolle Seiten: Wenn ich jetzt mit meinen Freunden beieinander sitze, dann gibt es viel weniger Gockeleien, viel weniger Testosteron und Eitelkeiten. Das ist auch schön.

Zu Ihrem runden Geburtstag haben Sie ein Album mit alten Stücken aufgenommen, das Sie auch auf Tournee vorstellen. Also ein Best-of-Album?

Eben nicht: Best-of-Alben sind ja nur Zusammenstellungen alter Aufnahmen. Genau das haben wir aber nicht gemacht, sondern alles nochmals aufgenommen.

Warum?

Als Musiker hat man doch immer das gleiche Problem. Man schreibt Lieder, nimmt sie im Studio auf und geht dann mit diesem Album auf Tournee. Wenn die dann zu Ende ist, sind die Stücke gewachsen, klingen meist besser als im Studio, weil sich alle hineingefunden und sich viele Details geändert haben. Dann sollte man eigentlich ins Studio gehen und alles nochmals aufnehmen. Und genau das habe ich jetzt mit einer ganzen Reihe meiner ganz persönlichen Lieblingslieder gemacht: Sie nochmal mit fantastischen Musikern zusammen neu eingespielt.

Die größten Erfolge fehlen aber, wie etwa „Genug ist nicht genug“.

Wie gesagt, ich habe meine ganz persönlichen Favoriten ausgesucht, Lieder, die ich auf meiner Geburtstags-Tournee gerne singen möchte. „Genug ist nicht genug“ spiele ich manchmal noch live, aber eine Zeile wie „Mein Ego ist mir heilig“ kann man mit 30 singen, aber nicht mit 70. Und das mit den ganz persönlichen Favoriten ist auch so eine Sache: Man merkt schnell, dass das eine oder andere Lied doch fehlt. Ich glaube, ich muss nächstes Jahr nochmal so eine Platte machen.

Wie geht es einem, der vor 40 Jahren den „Willy“ gesungen hat und das Wiederaufleben der Rechten mit anschauen muss?

Ich bin genauso geschockt wie alle anderen auch. Ich habe zwar immer davor gewarnt, aber dennoch gehofft, dass diese Sorge unbegründet ist. Dass es so weit kommen kann, hätte ich nicht gedacht. Was aber noch viel schlimmer ist: Krieg ist wieder eine Option geworden. Wenn ein so gefährlicher Mensch wie Donald Trump wegen eines unrechtmäßigen Kriegseinsatzes Applaus bekommt, dann stimmt etwas ganz und gar nicht.

Für viele sind Sie die Stimme der Rebellion. Doch als die 68er gegen den Mief unter den Talaren zu Felde zogen und ihre Väter fragten, was sie im „Dritten Reich“ getan haben, mussten Sie das nicht tun.

Ich musste nicht gegen meine Eltern rebellieren. Die waren beide Antifaschisten gewesen. Bei uns zu Hause wurde über das „Dritte Reich“ gesprochen, in den Familien meiner Klassenkameraden nicht. Trotzdem bin ich einige Male von zu Hause ausgerissen. Ich erkläre das immer flappsig damit, dass ich mich vor der Schule drücken wollte. Denn die Lehrer, die wir im Gymnasium hatten, das waren Nazis. Das war damals schon eine Wohltat, als junge  Referendare auftauchten, die ganz anders waren.

Ihrem Vater haben Sie auch ein Gedicht gewidmet, das auf der neuen Platte zu hören ist, unterlegt mit einem Klavierauszug von Puccinis „Nessun Dorma“.

Ich habe meinen Vater sehr bewundert. Er war Sänger und Maler. „Nessun Dorma“ war unser Lieblingslied zu Hause. Als ich studiert habe, galt Puccini als Kitschier. Aber wenn man mit Musikern geredet hat, haben fast alle hinter der vorgehaltenen Hand von Puccini geschwärmt. Ich habe mir meinen Puccini auch in den 70er Jahren nicht ausreden lassen. Genausowenig wie das Cello, das ich schon Ende der 60er analog zu meiner Liebe zur Spätromantik in meinen Liedern eingesetzt habe. Ich musste mir damals anhören, das sei ein bourgeoises Instrument.

Bourgeoises Instrument?

Es ging damals nicht um Musik, sondern um die politische Haltung. In den 70ern hatte ich es hauptsächlich mit Ideologen zu tun. Einmal haben mich Trotzkisten in ihre Wohngemeinschaft eingeladen und mir dann meine in ihrem Sinn umgearbeiteten Texte vorgelegt, die ich künftig singen sollte. Hanns Dieter Hüschs Konzerte wurden damals grundsätzlich von kleinen radikalen K-Gruppen wie KB oder KPDML gestürmt: „Hier wird nicht gesungen, sondern diskutiert“, war deren Slogan – bis Hüsch dann in die Schweiz ging.

Ihr neues Album heißt „Poesie und Widerstand“. Wie geht das zusammen?

Gut. Ich glaube mittlerweile, die Poesie ist in der heutigen Zeit an sich schon Widerstand. Denn: Die große Chance der Poesie ist immer gewesen, dass man nichts zu Ende interpretieren kann. Totalitäre Systeme beanspruchen aber die Interpretation für sich. Da werden Worte redefiniert, umgedeutet. Man darf die Interpretation von Worten nicht den Herrschenden überlassen. Nehmen wir das Beispiel „Reform“. In den 70ern war das für uns etwas Positives. Und heute? Steht Reform dafür, dass die Arbeitnehmer noch mehr ausgebeutet werden. Beispiel zwei: „Gott“. Wenn nicht seit Jahrhunderten ausgedeutet worden wäre, wo Gott wohnt, und welche Gesetze er erlassen hat, dann hätten wir in den vergangenen Jahrhunderten sicher weniger Kriege gehabt.

Album Für „Poesie und Widerstand“ hat Konstantin Wecker 30 seiner alten Lieder neu interpretiert und den brandneuen Song „Den Parolen keine Chance“ aufgenommen. Mit dabei sind langjährige Bühnenpartner wie Pianist Jo Barnikel, die Cellistin Fany Kammerlander, die Multiinstrumentalisten Wolfgang Gleixner, Jens Fischer, der Gitarrist Severin Trogbacher sowie weitere Gastmusiker.

Biografie 70 Jahre, Zeit um auf eine bewegte Vita zurückzublicken: Konstantin Wecker tut das in seiner eben erschienenen Autobiografie „Das ganze schrecklich schöne Leben“.

Tournee Rund um seinen Geburtstag  gibt Wecker vier Konzerte in München und geht auf Tournee – auch im Südwesten: am 4. Juni gastiert er beim Meinloh-­Open-Air in Ulm, am 22. Juli auf Schloss Kapfenburg bei Lauchheim, am 25. Juli beim Zeltfestival in Winterbach und am 25. Oktober in der Stuttgarter Liederhalle.

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