"Die letzten Tage der Menschheit" am Wiener Volkstheater

Zehn Abende bräuchte es wohl, um dieses Stück aufzuführen: Karl Kraus epochales Montage-Drama "Die letzten Tage der Menschheit" umfasst 800 Seiten. Es ist das Protokoll einer Katastrophe.

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Mit Konfetti in den Untergang: "Die letzten Tage der Menschheit" am Wiener Volkstheater.  Foto: 

Das Konfetti fliegt, die Epaulettenfransen sind aus Lametta, die Helme aus Papier, und die Menschheit läuft in langen Unterhosen in die Katastrophe. Das Volkstheater Wien verlegt "Die letzten Tage der Menschheit" ins Irrenhaus. Unterhaltsam, rhythmisch, witzig ist das, fast schon etwas zu flüssig. Doch die aktuelle Inszenierung beweist: Karl Kraus Drama mag ein Berg von einem Text sein, unspielbar ist es nicht. Man muss halt kürzen - 800 Seiten hat das Stück in voller Länge.

Der Autor warnt ja selbst: Einem "Marstheater" sei das Drama zugedacht, "Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten." Zehn Abende setzt Karl Kraus (1874-1936) an, um die "Tragödie in fünf Akten" zu spielen. Könnte hinkommen, bei mehr als 200 Szenen, in denen hunderte von Sprechern sich von 1914 bis 1918 immer tiefer in den Untergang hineinreden, ob in Wien oder auf dem Schlachtfeld.

Offiziere, Kleinbürger, Prostituierte, Zahlkellner, Kammerdiener, Kaiser, Generäle treten auf. Buchstäblich an vorderster Front aber stehen Journalisten. "Extraausgabee -!" ist nicht zufällig das allererste Wort. Die Ermordung des Thronfolgers, die darin verkündet wird, mag der Anlass für den Ersten Weltkrieg sein. Viel interessanter für Karl Kraus ist das, was aus dem Ereignis gemacht wird - und wie das seit Jahren vorbereitet wurde.

Lange bevor er - nach Monaten geschockten Schweigens - 1915 mit seiner Arbeit an dem Drama begann, hatte der Wiener Publizist in seiner Zeitschrift "Die Fackel" ein kritisches Projekt begonnen, das seinesgleichen sucht. Manisch sammelte er Material für seinen Kampf gegen die "Phrase". Die "Fackel", die er herausgab und bald alleine schrieb, strotzte schon während der Balkankriege vor ideologischen - oder nur dummen - (Presse-)Zitaten, die er entlarvend montierte.

Sein Alter Ego im Drama, der Nörgler, führt die Kritik aus: "Hätte man statt der Zeitung Phantasie, so wäre Technik nicht das Mittel zur Erschwerung des Lebens und Wissenschaft ginge nicht auf dessen Vernichtung aus." Neben der Politik sieht er zunächst vor allem in der Presse "den verantwortlichen Anstifter dieser Weltkatastrophe". Gestalt geworden in Typen wie "der Schalek", einer real existierenden Kriegsberichterstatterin, die man heute als "embedded" bezeichnen würde. Kraus macht sie persönlich haftbar für ihren Lobpreis des Massensterbens, lässt sie unter echtem Namen auftreten - und nimmt sie beim Wort: "Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate", erklärt er. Mindestens ein Drittel des erst nach dem Krieg als Buch erschienenen Stücks besteht aus Zitatmaterial unterschiedlichen Herkommens.

So konservativ sich der Satiriker gern gebärdete, sein Montage-Drama ist hochmodern. Die Methode, Phrasen so zu dekonstruieren, dass sich die (tödliche) Verblendung einer Zeit enthüllt, hat Schule gemacht. Eine der berühmten, todkomischen Szenen - legendär bös gelesen von Helmut Qualtinger - ist der Disput zwischen einem deutschen und einem österreichischen Soldaten über den "Oberbombenwerfer" und den "Bombenoberwerfer" - "wirfst du denn nicht auch Bomben ober? Also bist du doch auch ein Oberbombenwerfer", wundert sich der Österreicher. Nach den Menschen, die sterben, fragt keiner.

Fraglich wiederum, ob Kraus von einem Leser "dieser Welt" eine Lektüre am Stück erwartet hätte. Eine Szene, ein Satz kann reichen, um ins Grübeln zu kommen. Vielleicht über das Heute, darüber, was das für eine Gesellschaft ist, in der Personal "abgeschmolzen" wird, als handle es sich um überflüssiges Fett. In der man Gefühle "investiert", als wäre von der Liebe eine Dividende zu erwarten. . . Man muss ja nur bei Kraus nachblättern, da findet man sie, die Idee: "Daß das Leben nicht in der Ausschließlichkeit der Erwerbsinteressen begründet sei. Daß der Mensch in die Zeit gesetzt sei, um Zeit zu haben und nicht mit den Beinen irgendwo schneller anzulangen als mit dem Herzen." Es ist immer höchste Zeit, Karl Kraus zu lesen.

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