Zwei Wannen voll mit Romanen
Die Tübinger Buchhändlerin Ulrike Sander hat als Mitglied der Buchpreis-Jury einen Lesemarathon hinter sich. Mit der Shortlist ist sie sehr einverstanden.
Frau Sander, wie wird man - als erste Buchhändlerin überhaupt - Jurorin beim Deutschen Buchpreis?
ULRIKE SANDER: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels unterhält die Akademie Deutscher Buchpreis, von dort aus werden die Jurymitglieder berufen. Bei den Kritikern hat die Akademie von vorneweg eine große Auswahl bekannter Leute, bei den Buchhändlern hören sie sich eben um. Ich bin im Unternehmen Osiander für den Zentraleinkauf Belletristik zuständig, da kennt man einander in der Branche. So ist man für dieses Jahr auf mich gekommen.
Die Jurymitglieder haben in fünf Monaten 148 Romane gesichtet und bewertet. Wie um Himmels Willen haben Sie das geschafft?
SANDER: Ich habe jede freie Minute gelesen! Es läuft ja so: Die eingereichten Bücher werden unter den sieben Jurymitgliedern aufgeteilt, also hatte ich etwas mehr als 20 zur persönlichen Bewertung. Man tauscht sich über E-Mail aus, liest die Bewertungen der anderen, wird durch eine positive oder aber auch durch eine negative Meinung zum Lesen eines Romans aus einem Kollegen-Kontingent gereizt. Und so fort. Jeder hat die 148 Bücher, in welcher Druckform auch immer, vorliegen gehabt. Zwei Wannen voll standen zuhause im Zimmer.
Dann sind Sie auf jeden Fall jetzt Insiderin bei den literarischen Neuerscheinungen 2010. Was sagen Sie denn zum Gesamtniveau?
SANDER: Auffallend ist der Reichtum an Themen und die Vielfalt der Erzählformen. Das hat mich schwer beeindruckt. Gerade Autoren, die einen ausländischen Hintergrund haben, aber auf Deutsch schreiben, sind als besondere Stimmen zu entdecken. Es gab ja Jahre, da haben die Autoren zuhauf in persönlichen Erinnerungen gegraben. In dieser Saison aber werden zum Beispiel auch politische Aussagen gemacht, wird über den Tellerrand hinaus geblickt. Das finde ich gut. Allerdings muss ich sagen, dass unter den eingereichten Büchern auch Unlesbares zu finden war.
Sind Sie mit der Zusammenstellung der Shortlist zufrieden?
SANDER: Ich bin sogar sehr zufrieden. Es sind außergewöhnliche Bücher, die alle auf ihre Weise Gewicht haben. Wir Juroren haben ausführlich diskutiert. Ich kann mir vorstellen, dass große Namen darin vermisst werden, wie zum Beispiel Martin Mosebach, der für seinen Roman "Was davor geschah" viel Aufmerksamkeit bekommt. Das Buch ist gut, gewiss, ich freue mich auch sehr auf seine Lesung in unserem Haus. Wir fanden andere aber doch noch interessanter.
Wie läuft das jetzt mit der Entscheidungsfindung für den Preisträger?
SANDER: Wir haben erst am 3. Oktober unsere Schluss-Sitzung in der Jury. Ich werde vorher die Bücher aller Finalisten noch einmal lesen.
Nennen Sie uns Ihren persönlichen Buchpreis-Favoriten?
SANDER: Die Bücher von Thomas Lehr und von Melinda Nadj Abonji hatten einen großen Nachhall bei mir. Aber ich stehe hinter allen sechs Titeln der Shortlist. Ich könnte also mit jedem als Preisträger leben.
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Autor: PETRA KOLLROS | 09.09.2010
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Ulrike Sander macht die Mitwirkung in der Buchpreis-Jury trotz des Zeitaufwands ziemlich viel Spaß.
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